Bring Da Ruckus

Als ich es nachts durch mehrere Wände hindurch poltern höre, denkt mein Verstand an den Marder. Woran denn sonst. Aber so ein Zweitverstand, von dem ich bislang wenig wusste, widerspricht dem rigoros.
Es hallt hier wie Donnerschlag, bloß verkleinert auf Zimmergröße; für diese Tonlage scheint weniger das Trommel-, eher das Bauchfell als Empfänger geeignet zu sein. Noch dazu hängt etwas Kratziges in der Luft, nicht?
Ich, schlafblöde, kann meine Wahrnehmungen überhaupt nicht sinnvoll sortieren. Eine gewisse Portion Furcht, dass sich gerade die mühsam montierten Hängeschränke aus der Küchenwand lösen, ist mit dabei. Meteoritentrümmer? Erdfall?
Angst vor Einbrechern hege ich keine – die müssten schön blöd sein.
Ich watschele aus der Schlafkammer in Richtung Küche, über die Diele, und in der Diele – der Marder war ein wirklich frommer Wunsch – in der Diele ist Licht. Laserlicht. Smaragdgrüne Fächer schweben auf und nieder, sie wellen und zucken irgendwie musikalisch, sie tanzen; auch fühle ich mich von ihnen abgetastet, aber in durchaus einladender Absicht. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich nun heillos erstaunt bin oder verunsichert oder doch bloß sauer über diesen Firlefanz zu nachtschlafender Zeit, egal auch, mein Puls geht hoch und ich in die Küche, denn von dorther kommt es außerdem noch pink, orange und stroboskopisch.
Indem ich die Glastür aufziehe, tauche ich ein in eine dicke Suppe von Farblicht, Beats, Bässen, Geschrei, Samples, dreschenden Schlagzeugen und Zigarettenqualm. Auf dem Küchentisch, im Zentrum des Zirkus, sitzt B. und dreht sich eine.
Seit wann hat meine Küche Asphaltboden?
„Woo Hah!“, sage ich, um mich bemerkbar zu machen, und da grinst es in seinem Gesicht, das sehe ich genau, obwohl es noch tief über seine Finger gebeugt ist. Die unförmigen Knöchel. Die zerkauten, schmuddeligen Finger – nicht unbedingt reizend. Überwältigend vertraut. Die breiten Hände mit ihren breiten Adern.
B.s Kopf ist unsauber geschoren, hier und da hat er sich kleine Kinken in die Kopfhaut gehauen. I’ve got a hole in my head, And there’s no one to fix it. Er hebt mir seinen Flackerblick entgegen, Got to straighten my thoughts, I’m thinking too much sick shit, und lacht mit all seinen Zähnen, die so sehr beißen wollen, dass sie darum Zigarettenfilter, Kugelschreiber und Fingerfleisch zermalmen und im Schlaf wild knirschen müssen. Die geräumige Zahnlücke. Jetzt klemmt die Kippe drin und glimmt. Der breite Rücken seiner Nase. Sprenkel, Sprossen, Kratzer – das Gesicht, diese Landkarte, guckt aus einem Pelzkragen hervor, oder sind das Federn? Nichts echtes jedenfalls, irgendein Kunstoff wird’s sein. Vom Hals bis zu den Waden steckt B. in einem enorm zotteligen Mantel, der buntscheckig eingefärbt ist.
Ich frage: „Was wird’n das hier?“
Prompt hüpft er vom Tisch, kommt einen Schritt auf mich zu – und die Lichter und das Tönen kommen mit. Er muss das wohl selbst, weiß der Himmel, ausatmen, oder vielleicht produziert er es in seinen Knochen und dann sickert es einfach aus ihm hervor, irgendwie, oder womöglich könnte es dieser Mantel sein, der das ganze Zeug und noch dazu diese Wärme aussendet, diese zudringliche Wärme, mit der das alles daherkommt, Finger deep within the borderline, Shimmy shimmy ya, Let’s go inside my astral plane, Blau und Gold, all das, alles pulst auf mich zu.
„Kleine!“ – das war immer ein Witz, denn ich war die um drei, vier Zentimeter Größere. Jetzt ist das anders, aber diese Dehnung steht ihm nicht; das Kompakte, Geballte an ihm war sein Wesen, die Größenverzerrung verfremdet seine Silhouette hin ins Falsche, auch sein Kopf wirkt unrichtig schmal. Im Entgegenkommen scheint er sich sogar noch weiter auszustrecken, oder benebelt mich hier bloß was?, und dann schluckt mich seine Umarmung.
Ich sehe nichts mehr. Ich bin in großes, dunkles Summen gebettet. Hier drin kann ich nicht atmen. Die Arme, der Mantel drücken mit unnatürlicher Schwere auf mich nieder. Eigentlich fühlt sich das sogar wohlig an: so ein warmer, summender, allumfassender Druck. Nein, ich bin das, ich selbst werde unnatürlich schwer. Ich erlahme. Mein eigener Gewichtsdruck verformt mich, schiebt mich zusammen. Ich muss hier raus, egal wie. Ich muss sofort auftauchen. Ich muss –
Die Ummantelung löst sich, Geflirr und Geräusch schwellen mir wieder entgegen, die Zahnlücke lacht mich an. „Setz dich mal“, kräht B. und hüpft zum Tisch zurück. Ich stehe da wie angewurzelt, muss mir erst einen Ruck geben. B. hilft nach: „Na komm!“ Get ready, I’m in the mood, Come on now. Im Drehen fasst er meine Hand. Sein Mantel fliegt dabei einen Spalt auf und hervor klafft wieder dieses tiefe Dunkel, diesmal streift es mich am Bein, das sofort schwer wird, schmerzhaft schwer, es scheint in den Boden hinab zu wollen und ich hänge mit dran.
B. hockt sich auf die Tischplatte, qualmt seelenruhig, wickelt seinen unförmigen Mantel fest um sich herum und ich bekomme sofort wieder Luft.
Eine Weile lang lässt er seinen Blick durchs Zimmer kullern. Meine Küchenzeile, meine Regale. Fuck retro anything, Fuck your Tattoos, Fuck all you junkies and, Fuck your short memories. Ein bisschen spöttisch, mag sein. Ein bisschen widerwillig. Believin‘ all the lies that they’re tellin‘ you, Buyin‘ all the products that they’re sellin‘ you, They say jump and you say how high. Ein bisschen gerührt aber auch, das sehe ich versteckt glänzen.
Wenn er so still dasitzt, fühlt er sich entweder einfach wohl – immer, wenn er sich wohlfühlt, weiß er gar nicht wohin mit sich vor lauter Wohligkeit, wird er zum Lagerfeuer, groß und gold-rot, lodert und lodert er für sich und für alle, und alle kommen, alle drängen sich so dicht heran, wie sie nur können, verfeuern ihre Angst und essen so viel von diesem Feuer, wie sie nur können. So einer ist er halt.
Oder es ist bloß die Stille, bevor er ohne Vorwarnung Stühle, Teller, Fensterscheiben kaputtschlägt. So einer ist er halt auch.
„Jetzt sag mal!“, knüpfe ich leicht zickig an meine Frage an. „Ich meine, ich versteh’s nicht. Wie bist du hierher gekommen? Du kannst gar nicht hier sein, Du bist längst – Und was für’n Fummel trägst du denn da, Herrgott?“
„Hast du hier irgendwas zu trinken?“ Same motherfucker that I ever was.
„Ich hab dich was gefragt, du Vogel!“
„Gib mal was.“ Soy un perdedor, I’m a loser baby, So why don’t you kill me?
„Mann, kannst du nicht irgendwie mal die Musik – Geht das auch leiser, ja?“ All the things that they’re saying and doing, When they pass me by, It just fills me up with noise, It overloads me.
Fuck you, I won’t do what you tell me! „Nein!“
Ich krame zwei Schnapsgläser aus dem Regal und schaue, was ich tun kann.
„Was’s los mit dir, keine Lust zu feiern?“, fragt er und fuchtelt dazu mit den Armen, spielt den Dirigenten. Argwöhnisch behalte ich seinen Mantel im Auge, aber der flattert nicht mit, sondern umhüllt ihn weiter wie ein geschlossener Schlafsack.
Hinten im Vorratsschrank finde ich Reste von Hochprozentigem. Kann man notfalls zum Putzen nehmen.
Mir geht auf, dass ich etwas tun muss, irgendwas tun muss, damit das hier vorbei geht ohne Lagerfeuer oder Schlimmeres – so leid es mir auch tut, denn natürlich fühle ich mich gerade ziemlich wohl. Überrumpelt, alarmiert, in der Falle, ja ja, aber auch wohl.
As for me I’m a nocturnal animal, The night is on my mind, The night is on your mind.
Spin, spin, Spin the black circle, Spin, spin, Spin the black, spin the black –
„Wo ist es hin, sag mal?“, fragt er unvermittelt.
„Hm? Was denn jetzt?“
„Du hattest die Augen voll mit Quecksilber, das war da immer, das weiß ich genau.“
Ich halte B. einen Klaren hin, wir stoßen an. Pock, pock landen die geleeren Gläser auf dem Tisch. Dann packe ich B. an beiden Ohren, aber behutsam, ohne festen Druck, nur um seinen Blick, der so unstet umherwackelt, zu bremsen und ein bisschen auf mich zu fokussieren – um ihn voll ins Gesicht fragen zu können: „Was machst du hier?“
„Dich mitnehmen.“
„Wie, mitnehmen? Warum denn mitnehmen? Wohin mitnehmen?“
„Zu den Schwarzen Sternen. Alles klar?“
„Was für Pillen hast du eingeschmissen, Mann?“
„Schau doch mal! Dahin – siehst Du das nicht?“, und er steht auf und macht sich lang. Er wirft die Arme in Richtung Himmel, sie weisen steil nach oben, auf einen unbestimmten Punkt im Universum, öffnet sie dann, weit wie der Horizont, öffnet sie, sodass auch der Mantel sich weit auftut, tief und dunkel. Ich haste einen großen Schritt vor ihm zurück.
„Hör sofort auf, hörst du?“
„Wir gehen!“
„Hau ab!“
„Nein, ich nehme dich doch mit, verstehst du nicht?“, lacht er. Er streckt sich immer weiter, er fasert schon aus an seinen Rändern. „Weit weg. Überall hin. Wir gehen einfach los und loser, immer loser. Huckepack, Pack, Huck – „, sein Reden zerbricht zu Unsinn. Flackern, Stottern, haarsträubendes Knirschen. Das Licht und die Lautstärke des ewigen Musik-Kauderwelsch schwellen dramatisch ab.
Stille.
Ganz allein hört er sich plappern, hört sich lachen. Bis es mit einem Mal kräftig ruckt in seinen Augen. Er kommt nicht weiter näher, schließt die Arme um sich und schließt den Mantel, und als er sich wieder etwas mehr beisammen hat, fragt er: „Warum kommst du nicht mit?“
In der Küche herrscht jetzt nächtliches Grau, nur wir zwei stehen im Lichtkegel einer schwachen, geschrumpften Straßenlaterne. Mir wird kalt. Außer, dass ich trocken schlucke, bringe ich keinen Ton heraus.
„Na, ist gut. Ich geh jetzt jedenfalls“, sagt B., und er sagt das leichthin, es schmerzt ihn nicht. Mit einem metallischen Scheppern geht das Licht aus.
„Hey“, motze ich nun. „Wir sind zu alt, um Straßenlaternen auszutreten, du Spinner, sei nicht albern!“
Nichts.
„Sieh zu jetzt, mach meinetwegen dieses Licht-Dings von vorhin noch mal oder so, aber mach halt Licht an!“
Kein Mucks.
Er ist weg.
Ich atme auf und gleichzeitig ins Leere. Ich bin erleichtert und sterbenstraurig. Ich bin müde.
Schnell, der Lichtschalter.
Alles unberührt, hier sieht’s aus wie bei IKEA, wie immer, und nicht einmal die leiseste Zigarettenfahne hängt in der Luft. Auf dem Tisch der Obstkorb.
Noch anderthalb Stunden bis Tag.
In keiner Ecke finde ich irgendwelche Spuren. Keine Kippen, kein Konfetti. Nicht mal ein paar bunte Mantel-Flusen. Ich ertappe mich dabei, nach irgendeiner Art von Souvenir zu suchen. A souvenir, a souvenir of nowhere.
Nach etwas, worin sich eine Spur dieses Gefühls – in schwarzem Bernstein zu erstarren, nein, wie war das: mich irgendwie, ja was?, ins Ewige hinein zu verdichten – aufbewahren und vielleicht sogar unauffällig in der Hosentasche herumtragen ließe. Die Schnapsgläser? Stehen sauber im Küchenschrank.
Noch anderthalb Stunden bis Tag.
Am besten gehe ich direkt duschen, mich anziehen. Ich arbeite in einem netten kleinen Laden in einer netten kleinen Stadt, jeden Tag. Vielleicht ein Frühspaziergang heute? Ich lebe in einem netten kleinen Dorf. Ich habe meine Ruhe, endlich, und was anderes hab ich nie gewollt.
Noch anderthalb Stunden bis Tag.
Was anderes hab ich nie gewollt.
Noch anderthalb Stunden bis Tag.
Bis Alltag.
Bis –
„Warte, warte doch mal, Mann! Komm zurück! Warte!“

#Landliebe

Katzen reißen am liebsten die Abfallsäcke auf, aus denen volle Kinderwindeln und Damenbinden auf die Straße kollern. In der Nacht auf den Abfuhrtag hört man mal keine Revier-Keilereien zwischen den Nachbarschaftskatzen, sogar die halbwilden Scheunenkatzen führen sich lahm auf; gibt genug Müll für alle.
Heute Nacht bis vier Uhr morgens das Brausen der Mähdrescher, der Traktoren. Alles eingeholt. Um fünf Uhr früh dann brausender Regen – die Lohnunternehmer hier verwenden gute Wetter-Apps.
Zur Erntezeit gehören die Straßen ganz dem Agrar-Fuhrpark. Täglich Trecker-Parade. Wo gemäht und gedroschen wird, steigen von den Feldern Wolkenbänke auf, strohfarbene Staubwolken, groß und dicht – wer auf dem Fahrrad in diese Wolken gerät, spürt es golden in den Augen brennen.
Das Brausen der Mähdrescher, das Schnirren der Grashüpfer und das Schwalbengezwitscher verbacken in der Sonne zum typischen August-Klangklumpen, der sich weich wie angewärmtes Bienenwachs in die Ohren drückt und den Kopf verschließt.
Außer den gesammelten Agrargerätschaften sind auf der Straße unterwegs: die Kleinstwagen-Bataillone der Häuslichen Pflegedienste, stündlich ein Linienbus und RentnerInnen in großen VW-Limousinen, auf E-Bikes oder Elektrorollstühlen, je nach dem.
Ab und an überfahrenes Getier am Straßenrand – meist Marder, manchmal Katze. Selten Fuchs. Für dieses Jahr keine toten Kröten mehr; tote Igel wieder ab Herbst.
Meine Nachbarin, die aus der verwahrlosten Riesenscheune nebenan einen ländlichen Instagram-Traum für die fünfköpfige Familie gemacht hat, verkauft jetzt ihre Hühnereier und ihr Permakultur-Gemüse und hat dafür das alte Scheunentor zum Gemüsetor umgebaut. Ist ein echtes Schmuckstück geworden: dekoriert mit restauriertem Bauernschrank, gusseisernem Bollerofen, Klöppelspitze, einer Emaille-Kanne mit Blumensträußchen. Möhrchen und Radieschen 1€ das Bund, selbstgemachtes Pesto 2,50€ je Glas, 10 bunte Eier für 3,50€.
Ich würde an dieser Stelle natürlich gern schreiben, das Leben sehe hier, auf dem Dorf, zwischen Milchviehbetrieben, Windrädern und malerischen Rotklinker-Ruinen, überall so aus wie im aktuellen Manufactum-Katalog, aber Sie sind ja nicht blöd.
Lassen Sie mich aber, nur zur Sicherheit, ergänzen, dass Sie als Vergleichsgröße auch nicht zwingend die aktuelle Landlust heranziehen sollten oder etwa ein beliebiges Burda-Gartenmagazin, das sie gerade im Zahnarzt-Wartezimmer in den Fingern hatten, sondern doch eher einen Möbel-Heinrich-Prospekt von, so um und bei, 1997.
Außerdem ergänzen möchte ich, dass der nun bald 90jährige W. seinen Hof unterm Kastanienbaum immer noch täglich blank fegt und unverändert auf seinem, sagen wir, historischen Aluminium-farbenen Herrenrad (kein E-Bike) zum Nachbarort klappert, wenn dort Markt ist (dienstags und freitags).

Kinder, die auf Bäume klettern

Frauen auf dem Dorf haben souverän-spitze Zungen und souverän-weiche Hüften. Sie wohnen in Fachwerkhäusern in Feldrandlage, deren Gärten vor üppigen, duftigen Teerosen strotzen. Ihre Kinder klettern den ganzen Tag über in Bäumen umher, von früh bis spät; Klassenbeste und große Fußballtalente sind sie von Natur aus. Die Männer sind auf dem Dorf nie zu sehen, da sie morgens, gleich nach dem gemeinsamen Familienfrühstück am Echtholztisch, mit ihren wertigen Oberklassewagen in die nächstgelegene städtische Ballung pendeln, wo sie in verantwortungsvollen Berufen arbeiten; gleichzeitig gestalten sie engagiert das Gemeindeleben mit. Ihre engagierten Frauen sind freilich die Stützen des Gemeindelebens. Sie fahren mit ihren Hollandrädern im Dorf umher und transportieren in ihren Lenkerkörben aus geflochtenem Rattan Kuchen für Kindergeburtstage oder Blumen für die Gemeindebepflanzung. Mitunter benutzen sie auch ihre wertigen Mittelklassewagen, um ihre Berner Sennenhunde zur sympathischen Tierärztin zu bringen, obwohl die wiederum den ganzen Tag über mit ihrem Hollandrad Hausbesuche innerhalb der Gemeinde absolviert, um Reitpferde und Berner Sennenhunde zu heilen. Solange die Frauen auf dem Dorf jung sind, tragen sie ihr blondes oder nussbraunes Haar in Flechtfrisuren, die, unterstrichen durch dezentes Make-Up, Natürlichkeit ausstrahlen, und arbeiten als engagierte Dorfschullehrerinnen oder sympathische, zupackende Land- bzw. Tierärztinnen, die noch viel von den älteren Gemeindemitgliedern lernen können. Im mittleren Alter arbeiten Frauen auf dem Dorf als respektable, engagierte Dorfschulrektorinnen oder betreiben Reiterhöfe, mehrfach ausgezeichnete Landgasthöfe, Biobauernhöfe und tragen ihr Haar elegant hochgesteckt; ihr Auftreten ist gekennzeichnet durch zunehmende Souveränität und ihre Hüften durch zunehmende Weichheit. Im gehobenen Alter arbeiten Frauen auf dem Dorf als Gute Seele von irgendwas, spitzzüngige Assistentin von irgendwem, oder sie sind alteingesessene Landwirtinnen, von denen die jüngeren Gemeindemitglieder noch viel lernen können. Männer mittleren Alters sind Bürgermeister, Männer gehobenen Alters respektable Pfarrer oder Förster. Jugendliche sind auf dem Dorf nie zu sehen; sobald sie als Kinder von den Bäumen herabkommen, verschwinden sie in exzellente Internatsschulen, mitunter auch Sportleistungszentren, und tauchen erst als junge, engagierte Biobäuerinnen, Forstamtsanwärter, Junggastronomen wieder auf, die noch viel von den älteren Gemeindemitgliedern lernen können; etwas später heiraten sie untereinander, engagieren sich zunehmend fürs Gemeindeleben und bekommen Kinder, die von Natur aus Klassenbeste sind, wobei sie zugleich den ganzen Tag über auf Bäumen umherklettern.

Ein großes Haus macht sterbensängstlich

Die Kinder aus meiner Grundschulzeit hatten alle immer ein bisschen Schiss vor meinem Elternhaus. Ich wiederum hatte in erster Linie Schiss vor anderen Kindern.

Unser Grundstück war viel zu groß, reichlich verbaut und verwuchert; um zum Haus zu gelangen, drückte man sich durch einen schmalen Weg neben der Garage hindurch, der Weg war krumm und holprig, und dann stand man erst einmal unter Bäumen und neben Schuppen und Werkstatt und Misthaufen und Gebüschen und Anhängern und Regentonnen und morschen Holzbänken, und traute man sich weiter voran, ragte schließlich aus dieser unförmigen Enge der Giebel empor, mit seinem hohen, dunklen Eingangstor, dahinter der finstere Tunnel ins Innere: die Diele.

Minus Misthaufen also genau wie heute.

Es war ein echtes Haus der 1000 Gefahren; täglich hätten wir Kinder irgendeinen unwürdigen Tod sterben können. Pestizide, architektonische Fallen, Mordwerkzeuge. Wer auf dem Heuboden ein Loch erwischt hätte, wäre eine Etage tiefer auf rostigem Acker- und Gartenbaugerät gelandet. Meine Großeltern horteten ihre Herztabletten in praktischen Bonbondöschen, die sie mal im Wintergarten, mal in der Werkstatt liegen ließen. Manchmal stand der Schacht zur Grundwassergrube offen, versteckt im ungemähten Spielrasen. Über unserem Sandkasten baumelte die Sense meines Großvaters im Baum, immer griffbereit, locker über einen Ast gehängt.
Im Grunde unbegreiflich, wie wir hier allesamt lebendig, sogar unverstümmelt durch die Kindheit kommen konnten. Wir hatten diesen siebten Sinn für Mausefallen, die überall in Schubladen, auf Regalbrettern, zwischen Keksdosen und Brausekisten lauern konnten, und griffen nie in eine hinein. Wir matschten im Gartenteich herum und rannten danach klitschnass durch den Schuppen, ohne uns dabei je in den wilden Stromkabel-Arrangements meines Großvaters zu verfangen, woran er seine aus alten Milupa-Dosen gebastelten Lampen angeschlossen hatte. Mein Großvater legte vieles einfach ab und vergaß es dann, Büschel von Stacheldraht, Holzbretter, aus denen lange Zimmermannsnägel hervorspickten – Jesusnägel hießen die hier -, solche Dinge, und ich fiel zwar oft hin oder trat irgendwo drauf, aber nie hinein. Immer bloß knapp daneben. Wenn wir buddelten, fanden unsere Händchen die Fetzen von Karnickeldraht, die Scherben von Flaschen und Fensterscheiben, die mein Großvater gegen die Wühlmäuse vergraben hatte, aber wir griffen nie hinein, immer daneben. Wenn man etwas aus dem unteren Teil unserer Gerätesammlung hervorzog, plumpste im Gegenzug irgendwas von oben herunter, ein Zweipfundhammer vielleicht, ein Benzinkanister, eine Spitzhacke, aber nie auf den Kopf, sondern daneben.

Während ich Sperrmüll portioniere und bis zur Abholung in der Garage stapele, greife ich oft beinahe in versteckte, rostige Nägel hinein, ich stolpere und falle beinahe in die kaputte Motoregge. Einmal bücke ich mich zu schwungvoll; es ist halbdunkel in der Garage und so sehe ich nicht, dass eine abgebrochene Metall-Profilleiste aus dem Gerödel hervorragt, die mich denn auch voll ins Gesicht trifft. Aber eben nicht mit der Bruchkante und eben nicht ins Auge, sondern daneben. Es wird bloß etwas dick und ist am nächsten Tag schon vergessen.

Das Haus hat mir noch nie was getan. Jedenfalls nichts Schlimmes. Ich bin mir per Urvertrauen sicher, dass es mir nie wirklich etwas tun wird.

Jetzt rennt mein Kind durch Garten, Anbau, Werkstatt, Garage, Schuppen, stöbert auf den Dachböden, und ich besitze dabei dasselbe Vertrauen in das Haus, dass es ihm schon nichts tun wird.

Die allergischen Lungen meines Mannes haben es indessen schwer mit unserem Staub, diesem Gemisch aus allerlei zerfallener Biologie – Insekten, Tierhaar, Tierkot, Heu -, dazu Pollen und Schimmel. Ich putze und staubsauge um sein Leben, jede Fläche, hinter jeder Leiste, alle Gegenstände von oben und unten und alle Heizkörper von innen. Es ist jetzt schon viel besser.

Irgendwann wird es alles gut.

Wir haben Freunde, die sich beruflich mit Hausbau beschäftigen. Sie schauen sich bei uns um – ich erwarte, dass sie die Hände über den Köpfen zusammenschlagen, „Lebensgefährlich! Abreißen, sofort!“, so was in der Art. Stattdessen geben sie völlig entspannt Entwarnung, die Substanz sei super, die Dachstühle tiptop usw. Es erleichtert mich schon, ja – ein bisschen. Nur ein bisschen, mehr nicht.
Ein paar Tage später pule ich im Kartoffelkeller an den Querbalken herum, sie haben feuchte Stellen, weich und dunkel wie frischer Kaffeesatz, und neben dem bekannten Schimmel finde ich hier also auch unbekannten Holzpilz. „Ja, müsst ihr die Balken rausnehmen und neue rein, alles trockenlegen usw., aber das geht – ist ja bloß der kleine Kartoffelkeller. Braucht ihr euch keine Sorgen machen. “

Es gibt ein paar Wasserschäden hier und da, nichts Schlimmes. Der Erker ist instabil, aber das lässt sich gut beheben. Ein, zwei Balken am Frontgiebel sind morsch, aber die tauscht man halt aus und gut. Der Wintergarten ist undicht, aber bloß ein bisschen. Usw. „Braucht ihr euch keine Sorgen machen.“

Es ist die Summe all dieser halbwegs kleinen Baustellen, all dieser gar nicht schlimmen Mängel und gar nicht so teuren Reparaturen, die mir allerdings Sorgen macht. Es ist nicht der Aufwand – mein Mann war im ersten Leben Handwerker und auch ich werkele für mein Leben gern -, es sind die Kosten.

Während ich anfangs mit ungebremstem Furor Sperrmüll zerkleinert, alte Böden rausgerissen, Spülbecken demontiert habe, gehe ist mittlerweile etwas gehemmter an die Substanz heran. Ich werde zaghafter. Was ich selbst tun kann, handwerklich und kosmetisch, wird immer weniger – indem ich nach und nach Platz, Ordnung und Sauberkeit schaffe, tritt umso klarer zu Tage, was nicht mehr in Eigenleistung, nur mit echten baulichen Maßnahmen noch zu beheben ist, und das ist eine Menge. Eine Menge Kosten.

Klar kostet das alles, das wissen wir doch, wir sind ja nicht ganz bescheuert. Kriegen wir schon hin. Planen wir ja alles ein.

Es hilft nichts – es sickert in meinen Schlaf hinein, das Dräuen der Kosten. Öfters weckt mich nun nachts mein eigener Puls. Manchmal erlebe ich im Halbschlaf, dass Hauswände nachgeben, Zimmerdecken über mir aufweichen, durchhängen, brechen.

Der Keller. Die Stützbalken.

Die Kosten.

Ich schrubbe mit heimlichem Gram und Scheuermilch eine alte Zier-Kachel sauber und hänge sie in den Hauseingang. Da macht sie sich hübsch, die bescheidene, aber gnadenvolle Dame, vor der frisch weißlackierten Vertäfelung in der Diele. Ein Bildnis der Heiligen Barbara – mein Groß- und Urgroßvater arbeiteten lange im Salzbergwerk (dessen Stollen unter den umliegenden Äckern und Weiden verlaufen, auch unter den Häusern des Ortes, vielleicht auch unter diesem). Als Schutzpatronin der Bergleute sorgte sie dafür, dass ihren Schützlingen in der Dunkelheit nicht das Umfeld über ihren Köpfen zusammenbrach.

Hilf, Barbara!

Ein großes Haus ist auch nur ein Mensch

Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou. Dada ist ein großes Haus in Wiesenrandlage der Welt.

Dieses Haus ist völlig durcheinander.

Meine Urgroßeltern hatten es nach dem Ersten Weltkrieg von kinderlosen Verwandten günstig übernehmen können, als kleines Haus. Diele, Stube, Stall. Nach dem Zweiten vergrößerten es meine Großeltern um einen zweiten Dachstuhl, eine zweite Stube, mehr Zimmer, Küche und Bad – ein halbwüchsiges Haus. Als nächstes bauten meine Eltern obendrauf: den nächsten Dachstuhl, die nächste Stube, noch mehr Zimmer, Küche 2, Bad 2. Und weiter. Garage. Doppelgarage. Wintergarten, Werkstatt, Waschraum, Werkstatt 2. Ach, und die Gartenlaube.

Nie fertig. Solange ich denken kann, war hier nie was fertig.

Während der Schulzeit hatte ich selten Freunde, aber die wenigen, die es gab und die was taugten, erkannte ich daran, dass ich mich dazu überwinden konnte, sie zu mir nach Hause einzuladen. Die anderen lebten zumeist in sehr geordneten, sauberen Häusern, und ich hätte ein Bein darum gegeben, auch in einem solchen Barbie-Haus zu wohnen. Jeder Platz hatte da eine klare Funktion. Es gab Esszimmer, in denen man zum Essen beisammen saß, die waren gemütlich, und Flure, wo bloß die Schuhe und Jacken abgelegt wurden, kleine und praktische Flure waren das.
Zugleich machte mir das Angst, ich war befangen, gehemmt, in diesen ordentlichen Häusern konnte ich nicht spielen, ich funktionierte da überhaupt nicht.
Auf den weiterführenden Schulen lernte ich Kinder kennen, die in winzigen Mietwohnungen lebten und fand das halb traurig, weil es keinen Garten gab, und halb fantastisch, weil es sich dort so unglaublich übersichtlich lebte. Auch später, in den verschiedenen winzigen Mietwohnungen, wo ich dann als Erwachsene lebte, vermisste ich stets einen Garten, genoss dafür aber ungemein diese zwingende Allgegenwart von Struktur.
Auf so kleinem Raum konnte ich das gut leisten – Struktur schaffen und bewahren und mich im Umgang damit wohlfühlen. Im Haus war das immer so vollkommen undenkbar gewesen – überall rödelnde Menschen, Katzen, Kaninchen, plappernde Kinder, kläffende Hunde, Marder, Mäuse, das Eigenleben der Dinge und der Pflanzen -, dass es auch mein ganzes Denken an sich geprägt (ich meine demoliert) hatte: Der Lateinunterricht half mir später entscheidend dabei, geordnet denken zu lernen. Das strikte, stumpfe Auswendiglernen von Vokabeln und deren Formen, die strenge Grammatik – ich brauchte das.

Es kann gelegentlich praktisch sein, obwohl man über drei Küchen mit drei Kühlschränken und einer Kühltruhe verfügt, irgendwo in der Nähe von Garage 2 noch einen funktionierenden Bonus-Kühlschrank stehen zu haben. Praktisch ist leider auch, dass man so einen Kühlschrank an abseitiger Stelle, wenn er irgendwann nicht mehr funktioniert, dort einfach vergessen kann – es werden gebrauchte Kaffeetassen obenauf abgestellt und mitvergessen, Teppichreste darauf abgelegt, ausgemusterte Küchenarbeitsplatten daran angelehnt. Etc. Die magnetischen Kräfte des Chaos, Sie verstehen vielleicht?

Ich schreie! Sie verstehen vielleicht?

Ein Großteil des Hauses gehörte lange nur noch den Spinnen. Wo früher zehn Leute gewohnt hatten, später jedoch bloß noch zwei, bildeten sich zwangsläufig Brach-Zonen. Durchgangsgebiete. Abstellflächen. Die Spinnen lebten hier derart ungestört, dass ich anfangs volle Fegeblechladungen von ihnen zum Fenster hinausschmiss, wenn ich mich an ein neues Zimmer heranmachte – inzwischen sind drei Monate vergangen und ich warte unterbewusst noch immer darauf, dass sie, eines Nachts vielleicht, alle, alle zu mir zurückkommen, um ihr Heim zurückzufordern, alle auf einen Schlag.
Ich fürchte Spinnen gar nicht und habe auch nichts gegen sie persönlich, aber nehme sie doch als stilles Anzeichen für Verfall wahr. Katzen ebenfalls – alle heimlichen Katzenquartiere auf dem Gelände habe ich sofort und rigoros aufgelöst.
Indessen rascheln Mäuse im Gebälk, Schwalben nisten am Giebel, Wespen, Hornissen, Ameisen versuchen permanent, den Wintergarten zu erobern, kurz: überall im und am Haus lebt es so vor sich hin, das ist ganz gewöhnlich und fester Teil des Idylls. Allein die Massen von Spinnen und Katzen verursachen bei mir ein Gefühl von feindlicher Übernahme, wogegen ich unverzüglich vorgehen muss.
Im Traum öffnet sich unter waberndem Druck die Zimmerdecke in der Küche, Katzenwolle fällt in Flocken auf unseren Esstisch nieder – mein Mann ist Allergiker und bekommt akute Luftnot -, es folgen die Tiere, die mich kratzen, mein Kind kratzen, ein Regen räudiger Katzen. In einem anderen Traum versuche ich mich meinem Bruder zu nähern, der sich auf dem Heuboden verschanzt hat. Er wirkt fiebrig und blass, er faselt. Spinnenbeine lugen in schnellem Hervorhuschen aus seinem Hemdkragen hervor, verschwinden halsaufwärts, halsabwärts. Als ich meinen Bruder schließlich packe und von diesem Hemd befreien will, in dem es entsetzlich wimmelt, beißt er mich. (Mein realer Bruder ist, das muss hier gesagt werden, ein hochgradig friedliebender Mensch.)
Alle Spinnen und Katzen vertreibe ich weiterhin mit einer solchen, mir selber befremdlichen Strenge, als ginge es nicht einfach um die Ordnung von Räumen und Gelände, sondern als müsse ich damit vielmehr die Gesundheit des Hauses schützen – des Hauses als Familienmitglied.

Als in der ersten Woche nach dem Umzug gerade die Küche fertiggeworden war – improvisiert, wie immer, denn bis zu geordneten, professionellen Umbaumaßnahmen am Haus wird es noch eine lange Weile dauern -, sagten unsere Freunde dazu: „wie urig!“, „klar deine Handschrift“, „Euer Zuhause wird ja wieder so bunt und lebendig“. Wie immer. Egal, was ich gestalte, und egal, mit welcher stilistischen Zielsetzung ich womöglich angefangen habe – im Ergebnis gerät alles unweigerlich „urig!“ Immer einen Hauch zu bunt. Immer ein paar überflüssige, zweckentfremdete Möbelstücke zu viel. Ich bin dankbar, dass unsere Freunde das wohlwollend als meinen „Stil“ auffassen, wo ich ehrlicherseits doch bloß unfähig bin, eine einfache, moderne, un-alberne, werbeprospekthübsche Kücheneinrichtung zu schaffen, wie zum Beispiel alle anderen Mütter, deren Kinder mit meinem ihre Schulzeit verbringen, das umstandslos hinkriegen.

Für die weitesten Teile des Hauses existieren keine Baupläne oder Aufmaße. Geld gab es traditionell nie viel, entsprechend wurde in Eigenleistung gebastelt, umgebastelt, draufgebastelt, geflickt, drangebastelt.
Mein Vater war ein penibler Elektriker, meine Großväter leidenschaftliche Pfuscher. Mitunter erwarte ich hinter einer alten Holzverkleidung haarsträubenden Kabelsalat, finde jedoch einwandfreie Schaltungen; ein andermal möchte mein Mann alte Eckventile unterm Waschbecken abmontieren und bekommt, indem er sie berührt, einen Stromschlag verpasst, dass es knallt, und der erst einmal ratlose Elektriker zieht daraufhin zwei volle Tage lang erodierte Leitungen aus dem Putz, sodass die Wände am Ende der Behandlung einen begehbaren Jackson Pollock bilden.

Dieses Haus gleicht mir. Es ist im selben Maße ein Produkt meiner Familie, wie ich es bin. Ich könnte es nie abreißen, obwohl ich täglich irgendeinem verunstalteten, morschen Raum ins Gesicht schreie, dass ich genau das tun werde, im Alleingang, notfalls mit einem Schlosserhammer oder was. Wissen Sie?

Das Haus ist mir ein Geschwisterwesen, und ich bin hier, um ihm Latein beizubringen.

Ein großes Haus macht dumm

Zumal, wenn man es erst einmal bewohnbar machen muss. Der eigene Horizont reicht bloß noch von der Kellersohle bis zu den Dachsparren. Das Denken pragmatisiert sich radikal, es dreht sich ausschließlich um Werkzeuge, Wärmebrücken, Wasserschäden, Sperrmüll, OSB, MDF, Rigips, Heizungsanlagen, Wandfarbe, Holzlack, Statik, Dach, Dämmung, Baumschnitt, Rohre, Stromleitungen, Fliesenspiegel, Tapeten, Holzbalken.

Usw.

Dreck, Schimmel, Feuchte, Fäulnis, Mäuse-Marder-Katzen-Spatzen-Scheiße, Muff.

Meine fortschreitende Hausverblödung wird außerdem unterstützt durch die Tatsache, dass ein Haus kein sonderlich eloquenter Gesprächspartner ist. Zumal, wenn es sich um Ihr störrisches Elternhaus handelt. Zumal, wenn Sie Ihrerseits Ihre Sanierungsenergie hauptsächlich aus der Wut über Ihre Familienzustände beziehen. Unsere Konversationen gestalten sich wie folgt: Ich beschimpfe das Haus, ich bepöbele es, ich motze mit der Diele, beleidige die vollgerümpelten Räume, schreie den verfaulten Keller an – das Haus schweigt. Und dann lässt es mir ein Kantholz auf den Fuß fallen. Es jagt mir Holzsplitter ins Nagelbett und beißt mir mit Glasbruch in die Hand. Schmeißt mir Lehmputz in die Augen. (Sandkasten-Niveau.)

(Aber Mama, das Haus hat angefangen!)

Tagsüber ackern. Nachts pennen wie eine Waschbetonplatte.

Es ist das Haus meiner Mutter, ich bin hier aufgewachsen, und es fällt inzwischen auseinander. Mein Vater starb etwas früh, und meine Mutter und mein Bruder behandelten einen Großteil des Hauses fortan als sein Mausoleum; die übrigen Bereiche gehören den übrigen Familiengespenstern (wir waren mal ein Viergenerationenhaushalt). Nichts anfassen, nichts verändern.
Ich war mit 18 außer Haus, wie meine älteren Schwestern. Mein Bruder, dachten wir und dachte er, würde das Haus behalten. Im Grunde behielt er bloß die Werkstatt – das Eigentliche des Hauses ließ er aus seiner Wahrnehmung verschwinden. Diese Verdrängung bedingte Verfall, und seine Duldung dieses hausmörderischen Verfalls erschien mir seit längerem als eine Art Selbstschutzmaßnahme meines Bruders, denn das Haus an sich saugte ihm irgendwie, ich weiß nicht, das Mark aus den Knochen und das Hirn aus dem Kopf. Er musste hier dringend mal raus, längst, wollte allerdings nie die Mutter auf dieser Baustelle von einem Haus allein lassen. Wiederum ließen sich weder Mutter noch Bruder je mit dieser Baustelle von einem Haus helfen. Nichts anfassen, nicht einmischen. Meine Mutter ist, Sie verstehen, ebenfalls eine hochprofessionelle Verdrängerin.

Erinnern Sie mich bei Gelegenheit mal dran, dass ich meine Tetanus-Impfung auffrischen muss (dringend)?

Ich liebe dieses Haus. Ich hasse dieses Haus.

Früher oder später hätte ich ohnehin vor der Frage gestanden, was tun?, und meine Mutter, meine Geschwister wären mir bei der Antwortfindung keine Hilfe gewesen. Was tun, wenn es eines Nachts kracht im Dachgebälk/ die Heizungsanlage den Geist aufgibt/ die Verschalung runterkommt/ meine Mutter auf der Kellertreppe ausrutscht/ usw? Also lieber gleich kümmern, lieber jetzt, wo noch Spielraum besteht, in der Anpassung der eigenen Lebensplanung, in der Vorbereitung von Finanzierungsstrategien, in der Verteilung meiner Kräfte.

Ich hasse dieses Haus.

Mein Mann hatte die Idee angestoßen, dass wir sanieren. Er ist so. Probleme anpacken, Dinge lösen. Das Haus ist ein Problem, einer muss was machen; wir machen das. Ich hätte das nie initiativ angeregt – Mann und Schwiegermutter unter einem Dach, Du lieber Gott.
Mein Kind ist selig. Omas Haus! Hier wohnen, ach! Es lässt sich auf der räudigen Rasenfläche niederplumpsen, streckt sich weit aus, streichelt das Moos und strahlt: „Mama, das ist der schönste Ort der Welt!“

Ich weiß. Ich liebe dieses Haus.

Hemden bügeln im Angesicht der Entropie // 10.2.2021

Es ist Mittwoch. Lasst mich einfach bügeln.
Am Stubentisch sitzt mein Kind über seinen heutigen Aufgaben für Deutsch, Englisch, Mathematik und Sachunterricht. Leise zischelt das Bügeleisen, leise klickeln Stiftkappen und Füllerpatronen. Die Geschirrspülmaschine rauscht ihr Lied.
Ein T-Shirt.
Blusen, jahrelang nicht getragen.
Zwei Karohemden, die hat mein Mann zuletzt vor drei Umzügen und vier Jobs angezogen.
Die guten Hemden kommen mir zur Zeit kaum noch unter die Bügelwäsche, sondern warten im Schrank auf Meetings, geschäftliche Präsentationen, irgendwann wieder.
Kleine Pullover, Latzhosen und Jäckchen, die ein Kleinkind getragen hat, das mein Kind heute nicht mehr ist.
So ein Oberteil, das ich ein paar Mal anhatte, als ich schwanger war.
Ein großer Stapel Wäscheabschied; ich mache das alles abgabefertig für die Altkleidersammlung.
Man kauft Kleidung, entwächst ihr eines Tages, trennt sich dann von ihr, um den Ballast, in den sie sich verwandelt hat, loszuwerden. Und dann fängt man wieder von vorn an.
Ich entsorge jetzt jeden Tag etwas Ballast. Noch fünf Wochen bis zum Umzug.
„Was kommt dann?“
P. hat seine Matheaufgaben schon erledigt. Ich denke, er macht sich zur Zeit gut in Mathe, aber so genau weiß ich’s auch nicht. Es dauert eine Weile, ehe das schriftliche Multiplizieren endlich rundläuft und bei der Geometrieaufgabe der Groschen fällt, doch ob er sich da im Vergleich schnell oder träge anstellt, kann ich nicht beurteilen. Über IServ wird täglich ein anderes Thema angerissen, das während des vergangenen Schuljahres zu kurz gekommen war. Kommt man irgendwann später einmal auf das Gelernte zurück, läuft es nicht mehr rund, und der Geometrie-Groschen ist auf einmal unauffindbar. Und dann fängt man wieder von vorn an.
Jeans. Jeans. Jeans.
Ein Jeans aus P.s letztem Kindergartenjahr, kaum getragen.
Ich könnte meinen Sohn wohl auch wieder am Präsenzunterricht teilnehmen lassen. Statt Homeschooling. Außer mir behält hier kaum jemand seine Grundschulkinder zuhause, und sogar seine Lehrerinnen vergessen manchmal den einsamen Heimschüler. Offenbar müssen alle anderen arbeiten, bloß ich nicht. Denke ich.
Blusen.
So genau weiß ich’s allerdings auch nicht – ehrlich gesagt weiß ich überhaupt nichts über die anderen Eltern. Als wir hierher zogen, lernten wir ein, zwei neue Leute kennen, und mein Kind fand ein, zwei neue Freunde, mehr nicht. Die Heidjer machen es einem nicht leicht, und obendrein kam bald Corona hinzu und stülpte uns seine Glasglocke über. Wir sind oft genug umgezogen und darin geschult, uns direkt nach dem Auspacken der Kartons die neue Umgebung zu erschließen und oft und immer wieder und unermüdlich Hallo zu sagen, anstatt passiv zu bleiben, denn den Passiven beißt bloß das Heimweh – aber dieses Mal hat unser Programm einfach nicht funktioniert.
Der Kragen hier ist total verschlissen. Restmüll.
Man sucht sich einen anderen Job und eine andere Wohnung. Und dann streicht man Wände, verlegt Fußböden, kauft andere Möbel. Und dann verabschiedet man sich von Leuten, mit denen man bislang seine Zeit verbracht hat, denn diese Zeit ist nun vorbei. Und dann kommt irgendein Monatserster, und auf einmal macht man diesen anderen Job oder besucht diese andere Schule und lebt in dieser anderen Wohnung und verbringt mit anderen Leuten eine andere Zeit. Bis auch diese Zeit mal vorbei ist. Und dann fängt man wieder von vorn an.
Noch mehr Karohemden (Hamburg).
„Wie ging das noch? Das mit dem Stromkreis, Mama?“
Draußen hebt plötzlich Getöse an. Es sind gequälte Gespenster, sie kreischen und wehklagen! Ein wütender, weißer Wal jault auf! Sisyphos‘ Fels kollert dröhnend den Berghang hinab!
Sperrmüllabholung.
Unter dem Druck der Müllpresse stöhnt das letzte Möbelstück auf, das noch aus unserer ersten richtigen Wohnung übrig gewesen war, einer Stadtwohnung, deren Miete wir uns irgendwann endlich leisten konnten, nachdem wir uns lange ein Ein-Zimmer-Apartment im Vorort geteilt hatten. Leb wohl, kaputte Pressholz-Kommode (Hannover). Und auch die Tischkonstruktion, die als Wickeltisch angefangen, als Arbeitstisch geendet hat, zerbricht jammernd (Kiel). Und noch so dies und das.
Mein altes Lieblingsshirt (Plön).
Ich weiß, dass so eine Müllpresse keine zwei Minuten braucht, um mit dem Zeug und den versammelten Jahren, die darin hausen, fertig zu werden. Ist ja gleich vorbei. Trotzdem schmerzt mir das ganze Gesicht von diesem Lärm; etwas drückt mir mit mechanischen Fingern die Ohren, die Augen ein.
„Mama, da passiert gar nichts, wenn ich das Kabel an die Kontakte drücke!“ Der dünne Draht ist mit dickem Kunststoff ummantelt. Ich hole meine Allzweckschere: „Die Oberfläche muss da weg, der Draht muss bloßliegen, ein Stückchen hier, ein Stückchen da, damit er in Berührung kommen kann mit den Kontakten. Die Isolierung ist eine Sperre, da kommt keine Energie durch.“ „Ok, damit was leuchtet, muss man erst mal ans Innere ran, und das muss dann an die Kontakte dran.“ „Ganz genau.“
Es leuchtet. P. leuchtet. Ich leuchte.
Der Sperrmüllwagen ist längst weitergezogen. Ich werfe einen Blick nach draußen: alles blank. Es kommt mir vor, als nähme jemand seine Daumen von meinen Augäpfeln herunter, und ich fühle mich leichter. Ich fühle mich ganz blank.
Zwischenzeitlich stelle ich das Bügeleisen ab. Um den fertigen Geschirrspüler auszuräumen, Teller, Gläser, Besteck, gestern Abend dreckig, heute Mittag sauber. In den leeren Geschirrspüler stelle ich Teller, Gläser, Besteck, heute Mittag dreckig, morgen Mittag sauber. Räume danach die Waschmaschine aus, Jeans, Shirts, Unterwäsche, gestern dreckig, heute sauber. Stopfe danach andere Jeans, Shirts, Unterwäsche hinein, heute dreckig, morgen sauber. Die feuchten Shirts bügle ich direkt, damit sie glatt auftrocknen, gestern verknüllt, heute frisch. Morgen wieder verknüllt.
Hausarbeit ist etwas, was grundsätzlich nie fertig wird, etwas, womit man täglich von vorn anfängt. Ich hätte mich während meiner Jugend mehr mit Techno beschäftigen sollen, so wie alle anderen damals, denn die liegen heute, im Vergleich zu mir, um eine wichtige Lebenserkenntnis im Vorsprung: Die Hingabe an das Repetitive ist der Schlüssel zum Universum.
Karohemd (Kiel).
Karohemd (Hamburg).
Karohemd (Kiel).
Englisch jetzt. Dreimal hören wir den Sandwich-Rap, der den Kindern Lebensmittel-Vokabeln eintrichtern soll. Dreimal einen Song über Sportarten.
„Mama, was ist ein loop?“ Der Schlüssel zum Universum, möchte ich antworten, reiße mich aber zusammen: „Eine Schleife.“ „So ums Geschenk rum?“ Ja, ein bisschen, denke ich, sage aber: „Ich meine eher eine Schlinge.“ „Wie so am Galgen?“ Ja, auch, denke ich, sage aber: „Also, eigentlich meine ich eher eine Schlaufe, wie beim Schnürsenkelbinden. Oder eine Dauerschleife, wie wenn Du und F. so eure Handyfilmchen macht, wo eine Szene sich pausenlos wiederholt, weißt du?“
Stoffhose (Lüneburg). Nein, nicht auf den Altkleiderstapel legen jetzt. Erst in fünf Jahren, oder zehn.
F. ist die „eine Person aus einem anderen Haushalt“, zu der wir in Kontakt stehen, P.s Klassenkamerad und Freund. Sobald das Homeschooling-Pensum erledigt ist, klingelt F. an unserer Tür. Diese vertrauten Stimmchen, wenn sich die beiden begrüßen, diese vertraute Geräuschkulisse aus dem Kinderzimmer, das spezifische Rauschen von Lego-Steinen, die in ihrer Kiste umgerührt werden, die Fantasie-Dialoge zwischen Trollen und Samurai usw. F. wird mit jedem Tag etwas leiser an der Tür. Die Spielsachen und Wandbilder werden hier von Mal zu Mal weniger. Wenn er heute ins Kinderzimmer kommt, wird die Tischkonstruktion fehlen. Morgen wird die grüne Wand wieder blankweiß gestrichen. Erst verschwinden nach und nach die Dinge, und dann – einmal noch winken – der Freund.
Tischwäsche (Lüneburg), fertig für den Umzugskarton.
Ich bin schlimm sentimental zur Zeit, verzeihen Sie.
An P.s letztem Schultag in Bokeloh, vor dem Umzug nach Lüneburg, habe ich ihn abgeholt und da in seinem Klassenraum gestanden, und sein Sitzplatz ist auf einmal so blank gewesen, und seine sämtlichen Bilder und Kunstwerke und seine Hausschuhe sind in dieser blauen Tragetüte gewesen, und dazu ein Abschiedsbild von jedem Kind, und D., sein bester Freund, hat tapfer gepiepst: „Tschüss“, und dann ist er mit roten Augen an uns vorbeigewitscht, weggelaufen.
D. hat uns danach oft besucht, wir haben D. oft besucht. Seit Corona gibt es bloß noch die Videoanrufe, nach denen man irgendwie trauriger ist als vorher.
Nach dem nächsten Umzug wird P. wieder auf seine alte Schule gehen, mit ein bisschen Glück wird er zurück in seine alte Klasse kommen, sogar sein Schulweg ist fast genau derselbe wie früher. D. ruft uns oft an, und wir rufen D. oft an, und nach den Videoanrufen ist man jetzt deutlich weniger traurig.
Bettwäsche, aber die bügle ich nicht, pfft.
Wissen Sie, wo wir nach dem nächsten Umzug wohnen werden? In meinem Elternhaus. Meine Mutter wird älter, mein Bruder wird das Haus doch nicht übernehmen, meine Schwestern leben schon lange Zeit anderswo. Wir werden dort einziehen, renovieren, wahrscheinlich Geld aufnehmen, sanieren, umbauen. (Meine beste Freundin wird ein Auge darauf haben, die Architektin. Sie ist in einem der Nachbarhäuser aufgewachsen. Heute lebt sie in Hamburg, unserer Nachbarstadt. Wo wir uns wunderbar treffen könnten, gäbe es Corona nicht, und würden wir nun nicht schon wieder wegziehen.) Vor auf den Monat genau zwanzig Jahren bin ich aus diesem Haus ausgezogen. Und dann fängt man wieder von vorn an.
Ein Star-Wars-Shirt (Lüneburg).
Nach dem nächsten Umzug wird F. uns oft besuchen, werden wir F. oft besuchen, und wir werden viele Videoanrufe machen und danach irgendwie trauriger sein als vorher.
Ich werde Freunde vermissen.
Jeanskleid (Lüneburg).
Mein Mann wird Kollegen und Freunde vermissen.
Karohemd (Lüneburg).
Wie immer.
Es ist Mittwoch. Lasst mich einfach bügeln.

Die Große Versuchung

Sie erinnern sich natürlich an Trumps „Grab’em by the pussy!“-Moment, nicht wahr? Mein Mann und ich saßen auf dem Sofa, schauten irgendein Abendmagazin, das diesen „Skandal“ durchkaute, und waren uns zum ersten Mal sicher: Jetzt gewinnt der Idiot wirklich diese Wahl! Jetzt hat er sie endgültig, die Stimmen der Gestrigen und Vorgestrigen, der apolitischen Stammtischbesucher, der heimlichen Machos und sozial-masochistischen Frauen, der genüsslich Inkorrekten, der Psychopathen; jetzt hat er die Mehrheit in der Tasche! Trump wurde schließlich nicht trotz seiner Schweinereien gewählt, sondern ihretwegen – genauso wie man hierzulande die AfD nicht trotz, sondern wegen ihrer Nazisprüche wählt, oder Putin nicht trotz, sondern wegen des Autoritarismus vergöttert, für den er steht. Damals, „Pussygate“ 2016, da sagte im Fernsehen einer, dies sei der Moment, der wirklich allen Amerikanerinnen und Amerikanern das wahre Gesicht Trumps und seiner Anhängerschaft vor Augen führe, man müsse angesichts dieser Vorgänge ja endgültig begreifen, wie untauglich und primitiv — usw.
Inzwischen haben wir’s 2021. Im Fernsehen sagt jemand, die „verstörenden Bilder“ vom Capitol Hill führten nun vielleicht doch noch allen Amerikanerinnen und Amerikanern das wahre Gesicht Trumps und seiner Anhängerschaft vor Augen, man müsse angesichts dieser Vorgänge ja endgültig begreifen, welche Gefahr für die Demokratie — usw.
Natürlich verstehe ich den Impuls, unter dem Eindruck solcher Ereignisse seiner unmittelbaren, auch persönlichen Erschütterung Ausdruck geben zu wollen, doch zusammengenommen wirkt es hochgiftig, wenn als Reaktion auf aggressive Akte immer und immer wieder die Rhetorik der Betroffenheit bemüht wird, ob in der Berichterstattung, in der Politik oder im Privaten. Indem man ständig nur seine Betroffenheit erklärt, erweist man sich als unheilbar passiv. Mit Betroffenheit bekehrt, erreicht, läutert man niemanden, erst recht nicht diejenigen, die einen für solche Betroffenheitsbekundungen belächeln und verachten. Man versichert sich seines eigenen moralischen Standpunkts – und sonst gar nichts. Man möchte sich ein wenig wehrhafter fühlen, indem man sich auf die Allgemeingültigkeit seines moralisch überlegenen Standpunkts beruft, möchte sich weniger allein fühlen, indem man eine stille, aber allgemeine Mehrheit für diesen Standpunkt unterstellt. Man möchte sich nicht angegriffen fühlen, sondern groß und stark natürlich, und so redet man eben die moralisch unterlegenen Aggressoren klein: Alle doof, ungebildet, primitiv, naiv, prekär, verwirrt, fehlgeleitet, filterblasenverblödet! Bildungsverlierer! Arme Irre!
Das ist reine Augenwischerei zur Selbstberuhigung. Leuten, die uneingeladen in den Parlamentssitz einer Demokratie hinein marschieren, um dort eine lustige House-Wrecking-Party zu feiern, braucht man nicht mit betroffenem (und eine Spur mitleidigem) „Denn sie wissen nicht, was sie tun“-Kopfschütteln zu begegnen, denn sie wissen sehr genau, was sie tun. Die Zeiten des festen Glaubens daran, dass die Menschheit sich quasi von Natur aus Demokratie wünsche, sind nicht bloß vorbei, sondern sie haben nie existiert, dieser Glaube war immer utopisch, hübsch-illusorisch. In unseren westlich-demokratischen Gesellschaften gab es ständig faschistische Stimmen, die mal mehr, mal weniger Gehör fanden, und jetzt gerade tönen sie mal wieder besonders laut. Warum? Sind die Hirne dieser Leute bedauernswert klein oder so formbar wie Butter? Haben wir es hier mit leidenden Seelen zu tun, deren Gewalt „nur ein stummer Schrei nach Liebe“ ist? Oder was wäre an dieser Stelle die Plattitüde Ihrer Wahl?
Niemand, der in Amerika für Trump marschiert, oder in Deutschland für die AfD, oder in Ungarn für Orban, etc., hat „den politischen Kompass verloren“ und sich von Demagogen „in die Irre leiten“ lassen – hören wir doch auf, Faschismus zu missverstehen als „Bildungsmangel“, „Orientierungsverlust“, „Politikverdrossenheit“! Hören wir auf, so etwas als Verblendung oder Blödigkeit abzutun, es sind Entscheidungen! Wir haben es nicht mit bedauerlich unmündigen Gehirnwäsche-Opfern zu tun, die gewissermaßen ohne Schuld in eine Art Wahn hinein geraten sind, aus dem sie nur noch mittels Aufklärung durch die „Bessergebildeten“ errettet werden könnten, sondern es geht hier um Erwachsene aus allen Gesellschaftsschichten, die sich aus Überzeugung dafür entschieden haben, rechte bis rechtsradikale Positionen einzunehmen. Hören wir auf, es jedes Mal wie böse Magie zu bestaunen, wenn die Rechten an Energie zugewinnen – denken wir lieber schleunigst darüber nach, wie es um unsere eigenen Energien bestellt ist: Warum sitzen hier eigentlich vier AfD-Männer im Stadtrat, aber ich nicht? Warum ärgere ich mich über die Erfolge rechter Publizisten, leiste es mir selbst aber bloß eingeschränkt, für seriösen Publizismus zu bezahlen? Wie lange ist es her, dass ich das Internet den Rechten überlassen habe, weil ich es irgendwann müde war, jeden dämlichen Facebook-Troll mit Auschwitz-Faible zu melden?
Die große Versuchung, der breite Gesellschaftsteile erliegen, besteht in der Idee, das Thema Rechtsradikalismus ließe sich heutzutage irgendwie smarter, bequemer verhandeln als früher. Rechte pauschal und am besten internet-anonym belehren zu wollen, ist eine beliebte Praxis. Und völlig ineffektiv. „Mit Rechten reden“ ist längst ins Fach der unwürdigen und falschen Methoden entsorgt worden, weil es dummerweise keinen Spaß macht und nie zu Bekehrungserfolgen führt – dass dieses „mit Rechten reden“ aber nicht, wie so gerne in Talkshows, freundlich erfolgen muss, und dass allein schon jede Sichtbarmachung von Wiederspruch wichtig wäre, unterschlagen wir lieber. Alle Fehler- oder Stimmungsanalysen zu unserem Umgang mit den Rechten, auch diese hier, sind nett gemeint, aber wirkungslos. Will man reell etwas tun, muss man in den sauren Apfel beißen und sich tatsächlich, also persönlich, zwischenmenschlich, analog, mit seinen Mitmenschen beschäftigen – und auch diejenigen unterstützen, die das täglich tun und dafür fleißig Anfeindungen sammeln.
Die große Versuchung der Rechten heißt indessen Gewalt. Wer seine Hemmschwellen über Bord wirft, fröhlich und frei drauflos kloppt oder gar mordet, der wird gefürchtet, mit dem legt sich bald keiner mehr an, der hat’s geschafft! Auf jedem Schulhof, an den ich mich erinnern kann, gab’s so Schmalspur-Herrenmenschen, die qua Gewaltbereitschaft das Sagen hatten – der selbe Mechanismus (nur auf einem sehr viel größeren Schulhof, versteht sich) sorgt dafür, dass sich keiner einfach so mit der Mafia anlegt. Usw. Bock auf Gewaltausübung – da unterscheiden sich die Menschen. Ich habe mich durchaus mal geprügelt, notgedrungen, aber ich tauge einfach nicht zur Gewaltanwenderin, ich konnte nie jemandem aus Spaß wehtun, ich konnte nie gezielt wehtun, ich konnte nie anstiften zum Wehtun, ich konnte auch nie durch Demütigung wehtun. Ich habe tatsächlich Angst vor Leuten, die das können. Sich im Supermarkt oder in der Straßenbahn einzuschalten, wenn sich jemand nicht benehmen kann, das ist leicht. Handgreiflichkeiten – meinetwegen. Aber einen Trupp Provinzfaschos gegen sich aufzubringen, der einen beim nächsten Mal, wenn man einsam joggen geht, mal eben einsacken und in den Rollstuhl prügeln kann – ?
Man überschätzt so gern die Dummheit dieser Leute. Und man unterschätzt so sträflich ihren Erfolgsfaktor: ihre simple, entschiedene Gewaltlust.

Mitternachtsstall

Wieder der Paketbote, denke ich, als es an der Tür klingelt. Im Flur stapeln sich die Sendungen, die ich für die abwesende Nachbarschaft angenommen habe; täglich kommen weitere Kartons dazu. Ich bin ja nicht arbeiten, das wissen alle. Ich bin ja zuhause.
Ich bin schon ewig zuhause.
Dabei fühle ich mich, je länger ich zuhause bin, immer weniger zuhause in diesem Zuhaus, ich meine: Ich fühle mich nicht wohl beim Zuhausesein, nicht zuhause im Nichtarbeiten.
Ohnehin habe ich mich mit diesem Zuhause von Anfang an schwer getan. Dabei fing es gut für mich an, gut für uns an, als wir gerade frisch hierher gekommen waren, alles war auf einen Schlag so viel bequemer, kompletter, solider als zuvor. Vernünftigerweise sollten wir also sehr zufrieden sein – sehr zuhause.
Ich kann nicht einmal erklären, warum wir es nicht sind. Dieses Zuhause ist unbeirrbar neubauneu, weiß, glatt, es lässt uns einfach von sich abperlen, nichts von uns nimmt es in sich auf. Ich habe es mit Farbe, Möbeln, Pflanzen, Kerzen und Küchengerüchen versucht, anderthalb Jahre lang – es ändert alles nichts am Charakter dieses Zuhauses. Offenbar war es umgekehrt gedacht, d.h. solche Zuhause sollen den Charakter ihrer Bewohner verändern. Ein architektonischer Trick. Ein wirksamer.

Wieder der Paketbote, denke ich, als es an der Tür klingelt, aber diesmal ist es eine Nachbarin, die nach einem der Kartons im Flur fragt. Man ist höflich und sympathisch, ich bin höflich und sympathisch, wir sind hier alle so höflich, sympathisch, so neubaunett. Wir perlen prima voneinander ab.
Es ist die erste Wohnung, in der ich Lust bekomme, das Rauchen wieder anzufangen. Stattdessen mache ich mich im Garten dreckig. So dreckig, wie man sich auf 10qm Grünfläche halt machen kann. Vom Esstisch aus schaue ich durch die Glasfront mit Terrassentür auf meine Grünfläche hinaus wie auf eine unbewegte Bildfläche, die Pflanzen stehen stramm vor ihrem knallweißen Hintergrund, der Nachbarhauswand; ziehen mal der Wind oder ein Trupp von Kohlmeisen durch den Garten, erschrecke ich über diese plötzliche Bewegtheit. Ich gehe viel an die Luft, in die Feldmark, sammle Federn, Steine, Samenkapseln, all das erinnert mich beruhigend an das Dorf, wo ich herkomme. Ein mentaler Trick, aber ein wirksamer.

Wieder der Paketbote, denke ich, als es an der Tür klingelt, dabei ist es mittlerweile tief in der Nacht. Angesichts der Paketmengen, die zur Zeit bewegt werden (oft steht abends um zehn oder sonntags früh ein Zusteller an meiner Tür), wundert mich allerdings nichts mehr. Zudem besteht immerhin die Chance, dass es sich um einen Notfall handeln könnte, Polizei, Feuerwehr, was weiß ich: Dachstuhl brennt, also erhebe ich mich mal lieber vom Bett und gehe öffnen.
An der Tür, im lieblosen Bewegungsmelderlicht, ein Mann mittleren Alters, schlaksig, in Gummistiefeln und Drillichjacke. Wo er hier denn bitteschön abladen kann, blökt er. Aus der Dunkelheit hinter ihm schält sich ein Viehtransporter, dessen Reifen sich so gründlich in das Vorgärtchen hineingearbeitet haben, als wär’s ein zweibalkiger Flügelschargrubber. Für welche Nachbarn denn, bitteschön?, frage ich.
Nee nee, sagt er, für Sie!
Womöglich ist mir diese Mischung von Getrappel, Schnauben, Brüllen und dem Geruch nach Stroh und warmem Tier einfach so schlafwandlerisch vertraut, dass ich es, zumal im wehrlos-müden Zustand, ganz automatisch verpennt habe, an dieser Stelle mein Widerrufsrecht als Verbraucherin geltend zu machen. Sicher ist alldieweil, dass ich mir schleunigst etwas einfallen lassen muss, denn in meinem Wohnzimmer stehen jetzt, in einem aus gekippten Stühlen, Tischen, einer Trittleiter und einigen Autospanngurten schnell gebastelten Behilfsgatter, zwei Färsen und ein Jungbulle.
Aber was mache ich denn mit denen?, habe ich den Lieferanten großäugig gefragt. Das wisse er doch nicht, er liefere bloß ab, ich hätte schließlich bestellt. Oder hat er gesagt, ich hätte geerbt? Jedenfalls, bis hierhin sei er verantwortlich gewesen, und ab hier sei ich eben verantwortlich, meine Eigentümerschaft sei ja wohl unstrittig und somit habe ich mich nun zu kümmern. Er fahre die Viecher nicht zum Spaß durch die Gegend und es sei inzwischen auch wirklich spät genug und das hier seine letzte Station für heute, hier die Papiere, bitte sehr, na, auf Wiedersehen.
Im Wohnzimmer ist der Raumgeruch sofort ins Agrarische gekippt. Was mache ich denn mit denen, denke ich pausenlos, wieder- und wiederkäuend, während ich das in Unruhe gebrachte Vieh fürs Erste mit Möhren und Streicheleinheiten dazu zu überreden versuche, sich zu entspannen. Was mache ich denn, wenn mein Mann und mein Kind aufwachen, ins Wohnzimmer tapern, noch schlafköpfig, und dann das hier – was soll ich da sagen? Die Tiere drängen sich aneinander, drücken und schieben ihre Masse in einer unrunden Strudelbewegung, die gegen den Uhrzeigersinn verläuft, voran. In den mickrigen Garten kann ich sie nicht treiben, was sollen die Nachbarn denken! Darf doch keiner merken! Und die Vermieterin erst – keine Haustiere, so steht’s im Mietvertrag und da ist sie empfindlich. Ebenso genau nimmt sie’s mit ihrem guten Laminatboden, der gerade unter wuchtigen Tritten zerdrückt wird. Auch die Flurfliesen haben gelitten, wie ich sehe. Die tief hängende Pendellampe im Wohnzimmer beleuchtet mit ihrem buttergelben Schein eine Szenerie, die gleichermaßen an Stallidylle wie an Barrikadenkampf denken lässt; jedes Mal, wenn sie, von Kuhschädeln angerempelt, ins Zittern oder Schaukeln gerät, erweitert das die Atmosphäre um apokalyptisches Feuerflackern. Zu dem Klacken und Knirschen und den grollenden Rufen kommt ein Platschen hinzu, und schon breitet sich ein schäumender, warm dampfender Teich aus.
Heiliger Strohsack.
Die Jungkühe, eine schwarz- und eine braunscheckig, scheuen zwar vor mir zurück und fühlen sich sichtbar unwohl in diesem unvertrauten Raum, pendeln sich nach und nach aber doch auf ein gemäßigtes Stimmungsniveau ein. Größere Sorgen macht mir der Jungbulle. Ein salzweißer, schwarzäugiger Wildfang. Genau so einen hatte (als ich Kind war) unser Nachbar, der einen Milchviehbetrieb mit Zucht unterhielt; dieser weiße Bulle ging schon als Kälbchen gegen den Strich, büxte von der Weide aus und verheerte den Pachtacker meiner Großeltern, randalierte in seiner Box. So einer, denke ich, und behalte den Weißen mit zunehmendem Rumoren in meiner Magengegend im Auge.
So einer bist du.
Natürlich liebe ich Kühe, wer tut das denn nicht, aber ich weiß sehr gut, dass Zuneigung kein Argument ist für einen sorglosen Umgang mit jedwedem Tier einer solchen Gewichtsklasse. Wenn man über eine Kuhweide abkürzt und die Herde am anderen Ende des Grüns das spitzkriegt, sich in Trab setzt, mit ihrer ganzen Masse und ganzen Neugier auf einen zupoltert, dann sollte man zusehen, dass man sich in Sicherheit bringt. Sie sind friedsam und liebenswert und können bös zutreten.
Was mache ich denn mit denen, was mache ich denn mit denen, was mache ich –
Mit einem Schlenker ihrer Hüfte hat die Braungescheckte die Trittleiter umgerissen. Es hallt wie Donnerschlag. Alle verheddern sie sich mit den Fersen im Gurtsalat, eine Stuhllehne splittert. Da röhrt er los, der Weiße. Hat die Faxen dicke und keilt gegen die Färsen aus, wie gestochen. Die reißen die Augen auf, weiten ihre Nüstern, es kommt eine wilde Dynamik in den verknäuelten Trupp, es fliegen die Klauen, und die schweren Köpfe schlagen blindlings um sich.
Eine meiner Urgroßtanten, erzählten meine Großtanten, bekam beim Melken mal einen Tritt verpasst, von einer mageren Klapperkuh nur, und doch war sie sofort hin, die Urgroßtante.
Der Weiße tänzelt sich aus dem Gerümpel heraus, trampelt im Raum herum, den Kopf gefährlich gesenkt, er reißt Luft in seine Lungen hinein und nimmt ordentlich an Fahrt auf.
Mein Nachbar, der Milchviehwirt, starb damals in der Box seines Zuchtbullen, wissen Sie? Er hätte da nicht hineingehen dürfen, nein, aber mitunter macht man eben Dinge, die man nicht unbedingt dürfte, denn sie erscheinen einem mitunter eben nicht unbedingt gefährlich. Weiß nicht, was er da machte. Und auch nicht, ob der Bulle wohl wild wurde und austrat, oder ob er sich bloß unglücklich herumdrehte, sich bloß gegen die Wand lehnte, sich hinlegte – unser Brustkorb ist einer Last von zehn, elf Doppelzentnern nicht gewachsen.
Schon der Hälfte davon nicht. Ich drücke mich an den Rand, klebe an der Glasfront des Zimmers, an den großen Scheiben der Doppeltür zur Terrasse. Der Kopf des Bullen zielt nun auf mich. Die Färsen brüllen heiser und rau, ihre Tritte zerdellen die Trockenbauwände.
Doch er hält still, der Bulle, kommt nicht weiter auf mich zu. Er blickt wie durch mich hindurch, zu den Scheiben. Dreifachverglasung, UV- und schallisolierend – von meiner Vermieterin bekam ich, zum Mietvertrag dazu, eine gesonderte Pflegeanleitung für die Glasflächen, da ist sie penibel.
Weil noch immer nichts passiert, traue ich mich, den Weißen einen Moment lang einfach anzustarren. So einer bist du, verstehe ich plötzlich. Als ich mich seitwärts verdrücke, stemmt er sich endlich in den Anlauf, gräbt die Klauen in den geschundenen Boden, ich hechte hinters Sofa, und da kracht er gegen die Verglasung, dass der ganze Raum wie eine Glocke dröhnt. Und dann kracht es ein zweites Mal. Wie drei-Seelen-dickes, berstendes Eis.
(Ein Traum ist ja bloß ein Trick, um uns in höchstgradiger allegorischer Deutlichkeit etwas zu verklickern, was wir eh schon wussten. Aber ein wirksamer.)

Was man gegen Wirren tun kann – eine Handlungsanweisung

Die Angst vor Wirren ist eine recht verbreitete. Verständlich; jeder Mensch ist ihnen auf die eine oder andere Weise ausgesetzt. Ihr Verheerungspotenzial ist vielschichtig, es ist schwer berechenbar, kann sich aktiv oder passiv entfalten. Wirren sind überall, und wir hängen immer irgendwie mit drin!
Um sich dennoch gut gegen Wirren schützen zu können, gilt es, die folgenden Schritte sorgfältig und gewissenhaft durchzuführen:
Zunächst ist es notwendig, sich ein Gewand (Pyjama) aus getrockneten Lavendelblättern anzufertigen; als Bindestoff verwenden Sie hierfür bitte Spinnenseide.
Für die optimale Anti-Wirren-Belichtung Ihres Gehirns benötigen Sie überdies Strandglas oder durchscheinende Flusskiesel. Wichtig ist, dass Ihre Sicht gedämmt wird, aber zugleich Ihre Lichtaufnahme gewährleistet ist. Suchen Sie an Küste, Bachlauf oder Flussufer nach möglichst flachen, ergonomisch anschmiegsamen, mattgeschliffenen Glas- oder Quarzplättchen. Wer weiß, mit etwas Glück finden Sie sogar ein Stück Bernstein oder einen von Gletschern gewälzten Kristall? Zweck ist, sich dieses Fundstück vor das Gesicht zu halten, sodass Ihre Augen in wattig-sanftem, idealerweise bunt gefärbtem Licht schwimmen, dem man anmerkt, dass die entsprechende Linse über Jahre hinweg (je nach Objekt reden wir hier mitunter von Äonen) von den Elementen rundgelutscht wurde.
Zuvor jedoch – verzeihen Sie, wenn dieser Einschub Ihrem Gefühl nach vielleicht etwas zu spät erfolgt – ist es natürlich unabdingbar, dass Sie sich ca. auf die Größe einer Rötelmaus (≈ Blaumeise, Moorfrosch, Kiefernzapfen) herunterschrumpfen. Nur so können Sie die optimalen Wirren-Schutzräume, die nun einmal von kleinformatiger Natur sind, nutzen!
Haben Sie Ihre Schrumpfung absolviert, können Sie es sich nun im Eulenloch eines Scheunengiebels bequem machen, oder im lehmigen Bau einer Rauchschwalbensippe, gerne auch in einem gekippten Blumentopf, oder einem lauschigen, verlassenen Hornissennest, im blinden Auge eines kaputten Mopedscheinwerfers, oder unter der kathedralischen Kuppel einer stillgelegten Alarmsirene, oder in einer am Ast eines alten Pflaumenbaums sachte hin- und herschwingenden Gartenlaterne, oder – Nun, Sie werden ganz sicher Ihre persönliche Nische finden!
Falls vorhanden, bietet es sich durchaus an, den Kopf mit einer abgelegten Eierschale zu bedecken, wodurch sich der akustische Widerhall des Blutrauschens in ihren Ohrmuscheln verstärkt und sich Ihr Geborgenheitsgefühl erhöht; zudem kann es Ihrer Tarnung als Mini-Anhäufung von passiven Naturgegenständen nur dienlich sein.
Abschließend einen Klacks weichgeknetetes Bienenwachs auf Brust und Hals wickvaporubben, und einer gelungenen Ent-Wirrung steht nun nichts mehr im Wege!
Lassen Sie ab jetzt Ihr Umfeld, Ihre Sinneseindrücke für mindestens 25 Minuten bei ca. 19°C auf sich einwirken. Stellen Sie sich meine Stimme vor – es ist die Stimme einer Radio-Nachrichtensprecherin bzw. eines Sprechers von Naturdokumentationen bzw. eine Navigationssystem-Stimme Ihrer Wahl:
All die Wirren
dieser Welt
können
Ihnen
rein
gar
n
i
c
h
t
s
!