Hemden bügeln im Angesicht der Entropie // 14.10.2020

Es ist Mittwoch. Lasst mich einfach bügeln.
Der Himmel da draußen sieht aus wie mit Asche verrührt. Es ist regnerisch, die helleren Tage haben sich offenbar bis auf weiteres verabschiedet.
Im Hochsommer die Sorge um den Kreislauf, im trüben Herbst dann die Sorge ums Gemüt, so geht das immer.
Direkt überm Hausdach verläuft die Flugroute der Kraniche, die in ihre Überwinterungsgebiete ziehen – seit heute Morgen trompetet es von oben auf mich herunter, das dringt selbst durch geschlossene Fenster. Es sind große Flugformationen, mitunter 60, 70 Tiere in einem Zug.
Ihre metallischen Schreie. Ich liebe das sehr – auf Wiedersehen!
Hemden, Hosen, T-Shirts, Pullis, Decken, irgendwas; ein Haufen Knitterzeug.
Keine Ahnung, wo ich sein werde, wenn die Kraniche dann zurückkehren, nächstes Frühjahr.
Ich hasse es zu bügeln, aber an trüben Tagen, den Kopf voll Asche, hält es mich gut zusammen, hat es durchaus etwas Tröstliches, muss ich zugeben.
Schhhhhh macht die Geschirrspülmaschine, und Schhhhhhhhhhschhhhh macht das Bügeleisen.
„Doku Dunkle Materie“ – ich lasse den erstbesten Treffer dazu nebenher laufen.
Stoffhosen, T-Shirts, T-Shirts.
„Doku Quantenphysik“ – da suche ich nun eine bestimmte, und finde sie auch. Ja.
Dünne Pullover. Pullover.
Ich beneide Großbritannien aktuell wenig, aber wissen Sie was: Das ZDF, tja, das ZDF hat Harald Lesch – die BBC, die hat Jim Al-Khalili. Die BBC hat außerdem Hannah Fry, eine wunderbare Mathematikerin, und sie hat (einen Tusch, bitte) Sir David Attenborough, sowieso. Ich hätte, davon abgesehen, ja auch nichts gegen Jean Pütz oder Bob Ross, von mir aus, gut, gut. Aber an ernsthaft stumpfen Aschetagen, da geht eben nichts über, da ist absolut Verlass auf Jim Al-Khalili.
Pullover.
Jim Al-Khalili präsentiert seit Jahren (im populärwissenschaftlichen Leben) Bücher und Fernsehformate zu Physik, Mathematik, Biologie und allem dazwischen und ist (im aktiven wissenschaftlichen Leben) Physik-Professor an der Universität Surrey mit den Forschungsschwerpunkten Nuklearphysik und Quantenbiologie. Er wirkt zugänglich und uneitel, neigt in seinen Sendungen nicht zu dominantem Auftrumpfen; eher der filigrane Typ mit Begeisterungsaugen.
Ei-ne ziem-lich lan-ge Tisch-de-cke.
Ich liebe Naturwissenschaften, wirklich. Meine früheren Lehrer drehen sich an dieser Stelle lachend im Grabe um, klar, aber dass ich die schlechteste Schülerin in Physik, Chemie und Mathematik (Bio war zufriedenstellend) in ihrer gesamten Laufbahn war, ändert rein gar nichts daran, dass ich diese Gebiete von ganzem Herzen faszinierend finde. In der Schule machten sie mir eben Arbeit, das war damals eines meiner größeren Probleme mit ihnen. Reell ausschlaggebend für meine, sozusagen, Impotenz gegenüber den Naturwissenschaften, war aber: Sie machten mir Angst.
Noch ein Pullover.
Eine Heidenangst!
Hemden – Knopfleisten, Ärmel, Vorder- und Rückseiten.
Ich meine, Sprachen und Gesellschaftszeug, das konnte ich mir ja notfalls alles allein beibringen. Die Naturwissenschaften hingegen waren die einzigen Schulfächer, die mir das Gefühl gaben, ich sei in der Schule, um etwas zu LERNEN. Bei den Naturwissenschaften war ich darauf angewiesen, dass es mir, bitte, jemand erkläre, allein wäre ich diesen Fächern gegenüber absolut hilflos gewesen, und ehrlich gesagt war selbst mithilfe meiner Lehrer an dieser Hilflosigkeit schwerlich zu rütteln. (Ich muss sagen, meine Lehrer rüttelten auch mit ziemlich magerer Motivation daran, aber ich verstehe schon, weshalb man angesichts so gigaunbegabter Schüler, Schülerinnen wie mir sich lieber nuschelnd mit dem Kreidestück in seiner Hand unterhält, ist schon in Ordnung.)
In den Naturwissenschaften ging es tatsächlich um was: um die harten Materialitäten des Lebens. Des Lebens AN SICH. Um die REALITÄTEN.
Hemden, Hemden, Hemden.
Ich verstehe bis heute nicht, wie es Leute geben kann, denen die Gegenstände der Naturwissenschaften, diese existenziellen, rohen, basalen Wahrheiten, KEINE Heidenangst einjagen. Entsprechenderweise verstehe ich genauso wenig, wie es überhaupt Leute geben kann, die Naturwissenschaften für LANGWEILIG halten.
Hemdkragen, Ärmel.
Zu schreiben fällt mir nun einmal leichter. Mir Geschriebenes zu erschließen fällt mir leichter. Jeglicher Umgang mit Text fällt mir leichter als der Umgang mit Zahlen, Variablen, Gleichungen, Formeln usw. Dabei ist das eine dem anderen im Grunde sehr funktionsähnlich. Im Schreiben verdichtet man Inhalte, man bringt sie durch Buchstaben, Punkte, Striche in eine komprimierte Form, im Schreiben erfasst und definiert man gewisse Größen, Volumina, Auswirkungen, Wurzeln, Produkte usw. – und eine Gleichung wie E=hf tut, auf ihre Art, dasselbe: Sie macht die Welt handhabbarer.
Glattstreichen, auf den Bügel hängen.
Wann haben Sie zuletzt bei einer Doku das Heulen gekriegt? Ich bin da bekennende Heulerin, müssen Sie wissen. Meine Doku-Stunden sind sozusagen mein geschütztes Reservat fürs Heulen; ich heule angesichts von Knochenschmuck und Kernfusion, von Vogelzug und Gletscherschmelze und überhaupt – die Welt ist so vielseitig dramatisch und im ernsten Sinne rührend.
Warum ist denn jetzt in dem Shirt hier ein Loch?
Ich heule heute, als handschriftliche Notizen Alan Turings, komplexer als das grüne Zahlenrauschen aus „Matrix“, plötzlich den ganzen Bildschirm füllen – Versuche, die Entstehung biologischer Muster logisch zu erklären. Eine solche Sehnsucht nach Begreifen.
Kleine T-Shirts.
Da, wo die Schulphysik, Schulmathematik gar nicht hinkommen, eröffnen sich Bereiche, die früher der Religion vorbehalten waren: Vieldimensionalität, Quantenphysik, Stringtheorie – da hört selbst für NobelpreisträgerInnen die Handhabbarkeit auf, d.h. man kann zwar hervorragend damit arbeiten, aber eben ohne zu begreifen, womit genau man hier arbeitet und weshalb genau es funktioniert, d.h. man muss staunen. Es gibt also Wunder.
Fertig. Nächste Maschine.
Irgendwo in den Eingeweiden der Mathematik-Physik-Chemie versteckt sich eine genaue Erklärung dafür, wie Vögel es GENAU anstellen, sich auf ihren Migrationszügen am Magnetfeld der Erde zu orientieren – das europäische Rotkehlchen ist in dieser Hinsicht ein ergiebiger Versuchspartner für Quantenbiologen. Ich glaube sicher, dass es dort ebenso eine Formel zu finden geben muss, die eine genaue Erklärung dafür liefert, wie ich hier gelandet bin, und wo GENAU ich sein werde, wenn die Kraniche zurückkommen, im nächsten Frühjahr, und warum. Einen schlicht-eleganten, zwingenden Lehrsatz – einen, der funktioniert, ob ich ihn nun je begreife oder nicht.
Das ist doch spannend!
Und abgrundtief furchteinflößend!
Ich schalte um. „Doku Lebensmittel“.
Es ist Mittwoch, lasst mich einfach bügeln.

Das Glück des Flüchtigen

Vor der Haustür wächst eine Stadt. Aus Sandkegeln. Die Ameisen türmen, zwischen Pflastersteinen hindurch, unbeirrbar ihre pyramidischen Abraumhalden auf. Jeden Tag wächst die Stadt. Jeden Abend fege ich die Kegel zusammen und gieße eine Schaufel voll Sand und Ameisen überm Feldsteinwall aus, wo alles in winzigen Kluften versickert und es die Spinnen aus ihren Höhlen treibt. Der Boden hier ist sandig; was die Ameisen zu Tage fördern, ist so feinkörnig und hell wie vom Strand.

Ich denke oft an diesen unterirdischen Strand. Ich stelle mir manchmal vor, wie ein großer Besen unser Stadtrandviertel beiseite fegt, um damit den Strand aufzuräumen, wieder hübsch zu machen, und wie dann auch das Urzeit-Meer, das in diesem Boden Salz und versteinerte Muschelbänke hinterließ, und dessen Bewohner zurückkehren.

Stadtrandviertel sind die Krone der rund zehntausendjährigen Sesshaftigkeit des Menschen und zeichnen sich besonders durch ihre Geräuschlosigkeit aus. Mal ein bisschen Kindertoben, nachmittags. Irgendwo kläfft ein kleiner weißer Terrier. Ein Auto. Stille.

Einige der Nachbarn haben sich Corona-Hunde zugelegt. Ich hab gar nichts gegen Hunde. Ich bin selbst mit Hunden, Katzen aufgewachsen und daher nicht sicher, woher genau eigentlich meine Abneigung gegen das Konzept Haustier rührt.

In der Waschmaschine plumpert die Weißwäsche. Die Geschirrspülmaschine macht Schhhhhhh.

Auch vor der Terrassentür wächst eine Stadt. Inzwischen fege ich mittags und abends die Abraum-Türmchen der Ameisen zusammen. Zwei Schaufeln Sand, täglich. Ich mag trotzdem nicht gegen sie giften. Und es wäre ja zwecklos, sie beherrschen ohnehin sämtliche Gartenflächen, vor der Haustür, hinter der Terrasse – wo ich auch grabe, es fließen schwarze Ströme.

Die Hunde ziehen zweimal täglich ihre Menschen um den Block. Es sind hochgradig domestizierte Wesen.

Ich gehe gern spazieren, lang und weit, in Feld, Wald und Flur, Wildtiere beobachten. Ich finde unterwegs eine Menge Dinge, die ich mit nach Hause nehme. Auch schon einen sehr hübschen, fossilen Seeigel – sehr dunkel, sehr rund, sehr schwer und greifbar in der Hand.

Kennen Sie das, wenn das Denken immer so ein bisschen ausrutscht? Weil das Hirn keinen Grip mehr findet? Weil die Straßen, Hauswände, Supermarktgänge, Internetseiten, die hochglanzlackierte Küchenfront (weiß), alles, was Sie jeden Tag anschauen, so enorm glatt sind?

Mein Mann hat sich ein neues Fahrrad, ein Corona-Fahrrad zugelegt. Jeden zweiten, manchmal dritten Tag eine große Runde nach der Arbeit. Eine hochgradig domestizierte Form von Flucht.

Letztens klingelte eine Nachbarin bei mir. Mein Garten endet an ihrer Hauswand (weiß). Ob ich bitte mein Bäumchen im Garten zurückschneiden könne? Die Zweige, die könnten eventuell ihre Hauswand zerkratzen, müsse ich wissen!

Kennen Sie das, wenn das Denken spontan Blasen schlägt? Weil sich vereinzelte Dinge darin, irgendwo weit unten, plötzlich emotional aufblähen, Auftrieb bekommen, an die Oberfläche emporsprudeln? Und Sie wissen gar nicht, woher auf einmal dieses brachiale Brausen, und auch nicht so recht, wohin damit jetzt?

Ich habe vor ein paar Tagen das ganze Bäumchen aus dem Boden gebuddelt, gehebelt, gerissen, mit Stumpf und Stiel. Meine hochgradig domestizierte Art, mit diesem Brausen irgendwie umzugehen. Die schwarzen Ameisen in der Grube flossen mir unaufhörlich in Handschuhe und Schuhe.

Ihre Türmchen lasse ich seit ein paar Tagen stehen.

Ich hätte auch das Bäumchen stehen lassen und einfach, wie immer, die Zweige etwas zurückschneiden sollen. Weiden brauchen regelmäßigen Rückschnitt, da geht es nicht bloß um die Form. Irgendwann zeigt sich sonst der aggressive Skelettierfraß der Blattwespen, oder dieser orangefarbene Rostpilz hat von heute auf morgen das halbe Bäumchen überzogen, oder es ist plötzlich voll Mehltau. Usw. Nach dem Schnitt treibt eine Weide ohne zu meckern wieder aus, fängt einfach von vorn an, bis zur nächsten Krankheit, ja, unbeirrbar, ich hätte fast Lust zu sagen: schön blöd.

Kennen Sie das, wenn man sich spontan wünscht, es käme ein großer Besen daher und fegte alles, alles kurz und klein und weg?

Ich hätte nach so vielen Umzügen nun keine Lust mehr, schon wieder umzuziehen. Aber. Was kostet mehr Energie: so ein langwieriges, irgendwie kränkliches Ankommen – oder doch der nächste Neuanfang?

Ist häufiges Neuanfangen bloß eine beliebige Form von Flucht aus einem großen Angebot von hochgradig domestizierten Fluchtformen?

Was ist eigentlich die höchstgradig domestizierte Form von Stabilität? Lebenslange Ortstreue? Oder eher flexible Sesshaftigkeit? Zufriedenheitsorientierung? Anpassungsfähigkeit? Eine alles verdauende Resilienz? Vielleicht die Technik, das eigene Hirn endlos auf der Stelle ausrutschen lassen zu können, während man anderen beim Leben zuschaut?

Auf dem gepflasterten Vorplatz haben sich an manchen Stellen leichte, kaum merkliche Senken gebildet. Kein Wunder. Täglich diese Mengen von feinem, weißem Sand – von unterhalb des Pflasters emporgeschoben, von so winzigen Tierchen. Hinterm Haus setzt sich das unbeirrbar fort. Mir fällt etwas ein. Die Häuserreihe ist nicht unterkellert. Vielleicht sind es nicht einzelne, sondern ist es eine große, sich in alle Richtungen fortsetzende Ameisenstadt – unterm Haus? Ich habe eben die Geschirrspüle ausgeräumt, mache nun die Wäsche und denke: Wieviel Aushub transportieren die Ameisen in einem Jahr, und in fünf? Wie lange wird sich mein Sensorium für Schieflagen täglich neu danach ausrichten, ohne zu meckern?

1996 vs. 2020

 

Sum quod eram,
nec eram quod sum.
– Bischof Sigward von Minden

Ganz früher soll das als Portalinschrift an der Sigwardskirche in Idensen, der Haus- und Grabkirche des Bischofs, zu lesen gewesen sein. Dabei konnten die Leute ja kein Latein.
Anders früher landete ich dort oft, wenn ich bei meinen Stromertouren durch die Feldmark mal eine Pause oder ein trockenes Plätzchen brauchte – die Kirche stand meist einfach offen. Etwa zu dieser Zeit lernte ich dann auch Latein.
Ich war nun letztes Wochenende dort, seit Längerem mal wieder. Nicht zum Gottesdienst, bloß so. Mein Latein ist mittlerweile sehr heruntergekommen. Mein Verstehen ist allerdings besser geworden.

Ich bin, was ich war,
aber ich war nicht, was ich bin.


Foto links: mit 14, im Lieblingspulli und mit unbeholfener Zigarette (Foto K.Grobmann)
Foto rechts: zwei Stühle in der Sigwardskirche, auf denen ich mit mir selbst nebeneinander sitzen könnte (Foto S.Grebe)

 

Vermissmeinnicht

Lasst mich in Ruhe.
Ich kenne keine Langeweile, ich habe keine Angst und bin keinen Existenzbedrohungen ausgesetzt.
Klar ist das Vermissen zur Zeit eine Krankheit, wir vermissen Oma, Freunde, Orte, und wir vermissen diese Dinge sehr. Das meiste aber vermissen wir kein bisschen.
Ich war schon immer gut im Verschwindegehen. Viel zu gut! Es kommt mir viel zu sehr entgegen, dass es gerade geboten ist, in die Unsichtbarkeit zu verschwinden. Ich fühle mich wohl in Alleinland, ich finde mich dort so gut zurecht, dass ich schon jetzt kaum weiß, wie ich später, irgendwann, einmal wieder zurückfinden soll.
Und wozu.
Wir stehen jeden Tag um dieselbe Zeit auf, früh morgens, trinken Kaffee. Nach dem Frühstück geht es für das Kind und mich in den Wald, in die Feldmark oder an den Kanal, zwei, drei Stunden lang, wir stromern, sammeln, klettern, balancieren, finden Sachen, beobachten. Danach Mathe, Deutsch und was sonst noch lernenswert ist – wir üben bis in den Nachmittag. Später wird gebastelt, gemalt, gekocht. Wir schlafen gut.
Niemand, der was von uns will.
Ich kaufe einmal pro Woche ein und betrete dabei ein, höchstens zwei Läden, Supermärkte, immer dieselben. Außer Lebensmitteln und, vereinzelt, Büchern kaufe ich nichts, und kein Mangel tut mir weh.
Was war noch dieser Standard-Alltag? Ich hab so vieles bereitwillig vergessen.
Dann kommt diese Mail von der Schule. Schule! Herrje, da war doch was, ja, da war ein Gebäude, andere Kinder, ein Ranzen und…

Lieber schweigen

„Satz“ habe ich auf meinen Einkaufszettel geschrieben, hinter „Eier“, vor „Paprika“. Jetzt laufe ich hier im Supermarkt herum und wundere mich.

Was für einen Satz wollte ich bitteschön kaufen?
Welchen Satz könnte ich gut gebrauchen?
Was für einen Satz möchte ich am liebsten gesagt bekommen?
Welchen Satz einmal aussprechen können?
Du liebe Güte, welche Sätze kann ich mir denn überhaupt leisten?

Ich glaube, eigentlich brauchte ich Salz. Ja ja, Salz war’s. Da ist mir der Strich vom z halt ein bisschen zu weit nach links ausgerutscht.
Puh.

Suburban Homesick Blues

Wenn ich mir vorstelle, das ferne Rauschen der B4 wäre Meeresbrandung, dann geht’s eigentlich.
In der Nacht kann ich im Garten oder durchs Dachfenster den Großen Wagen direkt über uns stehen sehen. Den Sternenhimmel haben wir der lichtverschmutzten und bis in vielgeschossige Höhen verbauten Großstadt voraus.
Ich bin froh darüber, dass die Wohnung ein bisschen Garten hat. Unkraut ist gesund für die Seele.
Von hier aus, nur ein, zwei Straßenquerungen entfernt, liegen südlich der Wald und östlich die Feldmark. Nördlicherseits breitet sich das Wohngebiet aus. Zehn Fahrradminuten westlich liegt die Altstadt.
Unser Zentrum sind wir selbst.
Einkaufsmöglichkeiten wie Supermärkte und Apotheken, Banken, Ärzte, Frisöre, die Grundschule und der Kindergarten sind von dieser Immobilie aus fußläufig erreichbar.
Es könnte wirklich schlimmer sein.
Wir hatten es schon schlimmer.
Für Feldmark und Wald bin ich maßlos dankbar, sowieso. Wir sind seit jeher ständig draußen unterwegs, wir brauchen Licht, Luft, Land. Seit der Kontaktsperre sind natürlich alle in der Feldmark und im Wald unterwegs, suchen alle Licht, Luft, Land, aber selbst jetzt gewährt die Landschaft allen noch genügend Raum.
Es gibt nichts auszusetzen an unserem Zuhause hier.
Es gab genauso wenig auszusetzen an unseren Zuhäusern da und dort, am Park, am See, am Meer.
Gelegentlich passiert es mir, dass ich verschiedene Zuhäuser in meinem Kopf durcheinanderbringe, und das nicht allein im Traum, wo ja ohnehin alles miteinander verschmilzt. Auch in der Isolation schmilzt einiges ineinander, kommen den Zeiten und Räumen ihre Koordinaten abhanden. In Gedanken plante ich heute einen Vormittagsspaziergang entlang von Äckern, die an so einer Siedlung beginnen und in so einer Schonung enden, bis mir einfiel, dass diese Äcker, Siedlung, Schonung ja nicht hier, sondern 200km entfernt liegen. Neulich dachte ich: Sobald wieder halbwegs normale Zustände herrschen, müssen wir mal wieder mit dem Wassertaxi rüberfahren nach – und da ging mir auf, dass es rund fünf Jahre her ist, dass wir regelmäßig mit dem Wassertaxi fuhren.
Der ländliche Heimatort wuchert am wildesten in meinem Alltagsdenken herum. Weil die allgemeine Anspannungslage wohl doch nicht spurlos an mir vorübergeht und ich mich wegwünsche in sichere Gefilde?
Wär’s so einfach, wär ich ja nie weggegangen.
Tatsächlich ist das die einzige komplizierte Beziehung, die ich pflege. Ich bin ansonsten langjährig verheiratet und unterhalte langjährige Freundschaften, ich nehme Jobs an, wie sie eben kommen, da gibt’s nichts zu klagen, ich habe außerdem ein Kind, das es mir leicht macht, es zu lieben. Kompliziert ist allein die Heimat. Da war ich glücklich und kaputt, die macht mich gesund und krank, da will ich ewig hin und weg: meine schön-schlimme Heimat!
Ich kann jetzt nicht dahin fahren, mit Kind im Gepäck. Schlimmstenfalls unbedacht die Oma infizieren. Bis jetzt hatte ich immer die Möglichkeit zu Heimreisen, nie hatte mir jemand oder etwas den Weg dahin verboten. Was bei mir sicherlich gewisse Ängste verhindert hat, unter denen manch Andere leiden: Falls es für mich einmal so richtig schiefgehen würde, wäre da immer diese Tür, blieben mir immer ein paar Zimmer und dieser Garten, immer diese Küche, komme, was das wolle. Fehlende Zuflucht war nie mein Problem.
Natürlich hätt ich’s einfacher haben und einfach gleich bleiben können. Warum bin ich weggegangen?
Ich bin jedenfalls nicht als missverstandene, narzisstisch gekränkte Intellektuelle in spe vor meinen ländlich-groben Mitmenschen geflüchtet. Ich selbst bin ländlich-grob genug. Ein bisschen einsam war ich, ja. Aber nicht sehr viel mehr, als ich das auch heute bin, denn ich tauge nur zu einem limitierten Maß an Bindung und Gesellschaft.
Ich bin sogar nicht bloß einmal aus der Heimat fortgegangen, wie man das üblicherweise so tut, sondern zweimal. Einmal mit 18, einmal mit 36 – Sie erkennen vielleicht den Turnus? Bei guter Gesundheit schaffe ich eventuell noch Nummer drei (mit 54) und vier (mit 72)!
Ich bin einmal aus bloßem Trotz weggegangen – Familienerbstück, diese Trotzwut. Ich hatte keinen Plan, aber ich hatte die Gelegenheit. Geschadet hat es mir nichts, im Gegenteil, aber zum Prahlen reichen meine Erfolge nun auch wieder nicht. Meine Abiturientinnen-Trotzwut hatte sich an Dingen entzündet, die ich damals entscheidend fand, heute albern. Nichts, was ein bisschen Internet (das damals in seinen Anfängen dümpelte) nicht hätte erträglich machen können.
Mein zweiter Weggang beruhte wiederum auf nichts, was ein bisschen mehr Geld nicht hätte regeln können.
Sobald ich eine Weile lang mein Dorf nicht sehe, entsteht ein Fehlen, das genauso weggekümmert werden muss wie ein konkreter Hunger oder Durst; es ist genauso fühlbar, wenn es sich anstaut und, nachdem man sich drum gekümmert hat, nachlässt. Man mag pathetische Wendungen wie „Die Heimat ruft“ belächeln, aber ich fürchte, das tut sie mitunter wirklich. Sobald ich aber dort bin –
Das Ortseingangsschild ist für mich zugleich eine innerliche Grenzmarke. Psychologische Mechanik: Passiere ich das Ortsschild, ist dieser Vorgang mit einem reellen „Klick“ hinter den Schläfen verbunden.
Nirgendwo habe ich diese Begegnung besser beschrieben gefunden als bei Henning Ahrens in Glantz und Gloria:

Ein Ortsschild, mit Fastfood-Müll verziert, von Kugeln durchsiebt. GLANTZ IM DÜSTER. […] O ja, hier hauste die Heimat.

Ja, es ist wild und wunderschön und schäbig-öde. Aus der Ferne wünschte ich mir ständig, nie weggegangen zu sein, und aus der Nähe frage ich mich jedes Mal, was zur Hölle ich hier tue.
Heute ist Ostersamstag. Seit Anfang Februar war ich nicht mehr daheim, das Vermissen ist jetzt ein klobig-schwerer Klumpen. Ich stelle mir vor, ich säße am Küchentisch meiner Mutter. Oder ich ginge früh morgens auf dem alten Kirchweg durchs Grüne, vorbei an blühenden Obstbäumen. Blökende Schafe, Feldlerchengeträller, Kühe. Bördeboden riecht anders als Heideboden. Ich sitze an meinem Lieblingsplatz am Kanal – nicht Elbe-Seitenkanal jetzt, Nord-Ostsee-Kanal auch nicht, nein, Mittellandkanal natürlich. Quer durchs Gelände stromere ich irgendwann zurück ins Dorf, begrüße alle Bäume, Häuser, Bäche, Kühe, Störche wie Familienmitglieder, denn das sind sie, und da liegt wohl auch der Hase im Pfeffer: Familienliebe ist eben nicht selten Dilemmaliebe.

Schlüsselerinnerung (2018)

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da liegen auch noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen.
Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken.
Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts.
Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila); erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß ja, dass das der Schlüssel zu einem Wochenendnachmittag im Juni 1992 ist.

Prepper’s Delight*

*Da ich darauf angesprochen wurde: Ein reines Wortspiel – ich bin doch keine Reichsbürgerin, Leute!


Milch habe ich schon immer kistenweise gekauft, obwohl ich meinen Kaffee schwarz trinke und keine große Milchreisliebhaberin bin, aber Mann und Kind würden ohne Milch verdursten, und Pfannkuchen sind hier Grundnahrungsmittel. So wie Kartoffeln in allen Variationen. Ich bin da frühkindlich geprägt, Kartoffeln sind das Küchen-Ein-und-Alles, ich bräuchte notfalls jahrelang keine Abwechslung; auch mein Kind hat diese Kartoffelzufriedenheit geerbt. Leider glänzen Mietwohnungen nicht durch geräumige Kartoffelkeller, also kaufe ich doch weniger Kartoffeln, mehr Nudeln. Dazu Dosengemüse, TK-Gemüse, Gemüse in Gläsern, Dosenfisch, TK-Fisch, Fisch in Gläsern, Wurst in Gläsern, Obst in Gläsern, TK-Obst, Dosenkokosmilch. Eier und Mehl. Schwarzbrot. Schokolade, Kekse, Lakritz, Popcorn, Chips. Vitamintabletten. Waschmittel, Geschirrspülmittel, Shampoo, Duschgel, Zahnpasta, Deo. Ibuprofen. Kaffee.
Ich fange bei Aldi an und gehe dann weiter zu Edeka, zu Rossmann. In jedem Laden räumen die Verkäuferinnen wie getrieben den Nachschub in die Regale, und je nach Professionalität der Belegschaft läuft das zackig-systematisch bis konfus-chaotisch ab. Die Aldi-Damen, mit denen ich mich unterhalte, befinden sich längst im fröhlichen Scheiß-drauf-Modus, wie er sich im Einzelhandel in jedem Weihnachtsgeschäft, an jedem Verkaufsspitzentag einstellt: Man läuft auf Hochtouren, die Arbeitsatmosphäre ist geprägt von so was wie Pokalspielstimmung, man stellt sich dem Wahnsinn, gibt sein Bestes, und wann immer die Lage eine neuerliche Verschlimmerung nimmt, antwortet man darauf nur noch mit diesem sehr spezifischen, herzhaft-schrillen Gelächter. Die Edeka-Verkäuferin erzählt mir, während sie nebenher mit roten Hektikflecken im Gesicht Dosensuppe ins Regal knallt, dass inzwischen viermal die Woche Ware angeliefert werde, zu nachtschlafender Zeit, und beim Nachfüllen der ausgeräumten Regale einfach keiner mehr hinterherkäme, und dabei finge der Wahnsinn doch jetzt erst so richtig an, nicht wahr? Ein Herr fragt dazwischen, wann es wieder Parboiled-Reis zu kaufen gebe – „Wann? Was meinen Sie, wo der herkommt? Holland?“ Im Rossmann hustet ein älterer Kunde selbstbewusst das Zeitschriftenregal an; die Kundin, die sich in weniger als einer Armlänge Abstand befindet, gefriert augenblicklich und verharrt solange in stocksteifer Haltung, bis der Herr weitergeschlendert ist, lässt dann die aktuelle Brigitte wie eine Schlange fallen und flüchtet absatzklackernd zur Kasse.
Ich denke an alle, die jetzt im Gesundheits- und Pflegesystem arbeiten und fühle vor lauter Empathiestress meinen Magen meutern.
Es ist fast neun Uhr und ich kaufe seit kurz nach sieben ein. Mich strengt dieser Einkauf an. Zwar bin ich generell hektikrestistent, die wuselnde Kundschaft, die drängelnden Wägelchen lassen mich kalt, aber ich bin nicht gewohnt, so große Mengen einzukaufen. Dauernd verrutsche ich beim Studieren meines Einkaufszettels in der Zeile, frage mich, reicht das denn jetzt im Notfall für 14 Tage Quarantäne, reicht das nicht, reicht das doch? Ich finde, dass ich eigentlich gut geplant habe. Ich fürchte, dass ich vielleicht bescheuert geplant habe. Zumindest bin ich mir sicher, mit drei Packungen Nudeln vollends über die Runden zu kommen – warum kaufen die Leute halbe Einkaufswagen voll Nudeln?
Die letzte Einkaufstüte passt gerade noch in meinen Wagen; ich fahre einen Twingo, wissen Sie, da ist im Kofferraum so viel Platz, dass maximal drei Schulranzen reingehen, aber ohne Turnbeutel bitte. Kartoffeln und Nudeln sind meine Beifahrer. Milch, Dosen, TK, Brot und Süßes sitzen auf der Rückbank.
Ich muss an meine Mutter denken, wie sie alljährlich zu Weihnachten für unsere rund 15köpfige Familie einkauft und kocht.
Ich denke auch an unsere wöchentlichen Großeinkäufe früher, so in den 80ern und frühen 90ern. Das Familienauto, das meinen Vater unter der Woche zum Geldverdienen kutschierte, fuhr uns samstags allesamt zum Geldausgeben zu Marktkauf. Meine Mutter hantierte mit mehreren Zetteln, denn sie erledigte nicht nur den Familieneinkauf für meine Eltern und uns Geschwister, sondern bekam auch die Bedarfslisten meiner Großeltern und meiner Urgroßmutter aufs Auge gedrückt. Kistenweise Milch, Quark, Butter, Margarine, Brot, Wurst, Käse gingen da übern Kassentisch, dazu jeweilige Sonderwünsche wie Kurzwaren, Kölnisch Wasser, Kapern. Weil das Andere nicht anders machten, waren jene Samstage – an denen Öffnungszeiten herrschten, wie man sie heute höchstens noch von kurz vor dem Ruhestand stehenden Dorfkrämern kennt – echte Versorgungsschlachten. Mir kam das nicht so schlimm vor, vielleicht durch meine kindliche Perspektive, vielleicht durch die Gemütsruhe meines Vaters, oder vielleicht war unter den Leuten wirklich das Bewusstsein stärker verbreitet, man sitze mit seinen Einkaufsgenossen schließlich im selben Boot und Panik sei eine vollkommen alberne, unwürdige Charaktereigenschaft. Nach dem Einkauf gab es an der Grillbude (mitten auf dem geteerten Parkfeld; im Hochsommer grillten sich die Halben Hähnchen von selbst) zwei Bratwürstchen – eine teilten sich meine Eltern, die andere mein Bruder und ich (Schwester 1 und 2 waren älter, hatten anderes zu tun und hätten sowieso nicht mehr ins Auto gepasst). Verdiente Belohnung, die nur selten ausfiel, weil meine Mutter unverzügliche Heimreise anordnete, zum Beispiel an sehr heißen Samstagen, wenn ansonsten im nicht klimatisierten Auto aus unseren Großpackungen Fürst-Pückler-Eis schnell Salmonellensuppe geworden wäre. Ich denke an unser sehr großes, sehr vollgepacktes Auto, einen VW Passat Variant B2 in Metallicbraun. Der gewissenhaft gepflegte Stolz meines Vaters, das Familiengoldstück, „unser treues Auto“, ja, unser Drache Fuchur. Und ich denke daran, wie ich beim letzten Heimatbesuch mit meiner Mutter und meinem Sohn beim vertrauten Marktkauf ein paar Besorgungen machte und ich mich noch freute, wie viel leichter das Einparken mit dem gerade neuen, niedlichen Twingo doch war, und dann in der benachbarten Parklücke einen alten Passat Variant stehen sah, ein B1, laubfroschgrün. Der war gar nicht größer als mein Twingo. Ich latschte zwei oder auch drei Runden um das Auto herum, es war unfassbar, der Variant – mein althergebrachter Begriff für ein großes, ein geräumiges Auto – war in Wirklichkeit eine mickrige Blechkiste. Gut, insgesamt zwar etwas länger als mein Twingo, aber auch das in frappierend geringfügigem Ausmaß, keinen ganzen Meter jedenfalls. Fast zwei Köpfe niedriger als mein Twingo, unglaublich. Genauso breit wie mein Twingo. Einen Stellplatz weiter dagegen der BMW X7, eine dieser fahrenden Segelyachten, rund anderthalb Meter länger, einen ganzen Kopf höher und eine 24er Getränkekiste breiter als mein Twingo. Wann haben wir angefangen, unsere Maßstäbe so aufzublähen? Schließlich haben meine Eltern damals ihre Samstagseinkäufe auch in den Wagen gekriegt, obwohl der B2 in der Nachfolge des B1 auch kein größeres Stauraum-Mirakel war – nur wie? Wir kauften keine Kartoffeln, fällt mir ein, während ich meine gesammelten Tüten daheim in die Wohnung schleppe. Wir kauften insgesamt kaum Gemüse, auch kaum Obst, kaum Eier, keine Getränkekisten, keine Dosensuppen, keinen Kuchen, wenig Nudeln, nie Marmelade. Meine Großeltern beackerten ein Stück Pachtland; auf 3000qm wuchsen Kartoffeln, Möhren, Zucchini, Zwiebeln, Gurken, Kürbisse, Erbsen, grüne Bohnen, dicke Bohnen, Rhabarber, Erd-, Him-, Brom-, Stachel-, Johannisbeeren, Cox Orange, Boskop, Tomaten, Kohlrabi, Salat, Radieschen, Fenchel, Kamille, Pfefferminze, Dill. Im Garten um unser Haus herum ernteten wir Zitronenäpfel, rote Renetten, Süßkirschen, Zwetschen, Pflaumen, Walnüsse. Weckgläser über Weckgläser Obst und Gemüse im Keller. Kleintraktorladungen von Lageräpfeln, Möhren und Kartoffeln. Marmeladen, Gelees, Kompotte. Eier holten wir die Straße runter, bei Elfriede, deren Hühner ein glückliches, gesundes Leben hatten, solange nur der Marder fernblieb. Mein Großvater schlachtete regelmäßig Kaninchen. Die wurden mit Heu und Runkelrüben gefüttert, was ebenfalls der Acker lieferte. Das Futter für unsere Hunde und Katzen wurde gekauft, aber ging das mal aus, fraßen die Katzen Mäuse und die Hunde Braten- oder Wurstreste mit Kartoffeln. In der Küche meiner Großmutter brummte eine badewannengroße Kühltruhe vor sich hin, die wir mitunter den „Kaninchensarg“ nannten, denn neben Speiseeis, säckeweise Beerenfrüchten und den übrig gebliebenen Rouladen oder Blechkuchen von vor zwei Monaten lagerten in einem großen Fach Opas küchenfertige Kaninchenbraten. Statt Joghurt oder Buttermilch zu kaufen, stellte meine Oma unter Verwendung von Hefepilzknollen Kefir her. Mit dem „Kefir, mild“, den man in Supermärkten findet, hatte dieses Sauermilchprodukt geschmacklich nur entfernte Verwandtschaft. Erst später las ich darüber, dass es übrigens je nach Gärdauer einen gewissen Alkoholgehalt aufbaut. Weder das, noch die wie Tiefseeblumenkohl anmutenden Knollen konnten mich abhalten, meinen eiskalten, supersauren Becher Kefir mit Johannisbeergelee zu trinken. Der Vorlo-Mann kam regelmäßig mit einem Pritschenwagen durchs Dorf gefahren und lieferte Getränkekisten; wir bezogen Mineralwasser, Orangen- und Zitronenbrause, Marke Irenenquell. Auch Zeitschriften wurden gebracht: Das Lesepaket vom Leserkreis Daheim umfasste den Spiegel, den Stern und diverse Frauen-, Garten- und Autozeitschriften. Ich riss mich darum, die Zeitschriftentüte als Erste in die Finger zu kriegen, aber genauso ungeduldig wartete ich hinterm Zaun auf den Vorlo-Mann, einen alten Gastarbeiter, der immer genug Geduld hatte, eine Weile lang mit mir herumzublödeln.
Ich denke an die großen Geldscheine, die meine Mutter an den Samstagen an der Marktkaufkasse aus dem Portmonee holte; weder Schecks noch EC-Karten waren damals ein Thema für sie. Ich denke an die unterarmlangen Kassenbelege, die ich vorhin gesammelt habe, und frage mich, ob das umgerechnet in DM wohl teurer oder billiger wäre als ein Retro-Familieneinkauf.
Ich denke ein paar Jahre zurück und frage mich, wie ich früher, als ich mitunter kaum genug Geld für drei Packungen Nudeln die Woche beisammenhatte, mit der Notwendigkeit umgegangen wäre, den Lebensmittelbedarf für 14 Tage oder länger einzukaufen, und dabei denke ich an alle, denen das jetzt so geht.
Meinen betagten Nachbarn habe ich ein Briefchen mit meiner Telefonnummer in den Briefkasten geworfen, mit dem Angebot, sie möchten sich doch bitte melden, wenn ich z.B. etwas für sie einkaufen soll, mit herzlichen Grüßen. Ich weiß nicht, ob sie das gut oder aufdringlich finden oder sie das gleich wieder vergessen, weil es für sie unnötig ist, aber nun haben sie eben meine Nummer, schaden tut das keinem.
Ich denke schon wieder an meine Mutter, sie gehört genauso zur Risikogruppe. Ich wäre jetzt gern im Dorf, würde für sie einkaufen fahren, ab und an fragen, wie es ihr gehe, und im Notfall, was weiß ich, da sein. Mein Bruder ist da, und Schwester 2 wohnt nur einen Ort weiter. Wahrscheinlich vermisse ich einfach meine Mutter, zugegeben, und vermisse auch das unkomplizierte Kümmern, das ich vom Dorf her kenne, wo jeder einen kennt und den anderen auch.
Der Esstisch, das Zentralmöbel unserer Wohnung, ist mit Einkäufen vollgestellt. Ein solches Konsumpanorama gab’s hier noch nie. Gleichzeitig fühlt es sich nicht luxuriös an, diese Fülle zu betrachten, denn sie birgt keine illustren Delikatessen, nur bodenständige, profane Lagerware.
Kaffeepause.
Ein bisschen macht sich gerade ein Gefühl in mir breit wie vor einem Campingurlaub. Vorräte für einen Urlaub habe ich zuletzt vor ein paar Jahren gepackt: Windelpakete, Milchpulverpakete, Feuchttücherpakete, Breigläschenpakete.
Es kriebelt wohlig, wenn ich mir die Vorräte so anschaue. Tatsächlich ist das Gefühl, es, wenn ich will, mindestens 14 Tage auszuhalten, ohne das Haus verlassen zu müssen, ein absolut fantastisches Gefühl.
Mich packt kurz der Wunsch, das Zeug nicht für später parat zu legen, sondern jetzt sofort ein großes Fressen anzufangen, alles auf einmal zu essen, das ganze Brot, den ganzen Käse, sämtliche Tüten Haribo. Ein Reflex, der ziemlich urtümlich sein muss, aus Zeiten vielleicht, bevor irgendein Mensch irgendein Lebensmittel konservierte, sondern sich stattdessen unmittelbar daran machte, alles nur verfügbare Essen in Körperfett umzuwandeln, als Polster für karge Zeiten. Inwendige Lagerung.
Ein anderer Reflex, der mich kurzfristig packt – eine neuerliche Empathiestressreaktion – ist der Wunsch, diesen ganzen Batzen Zeug auf eine Palette zu stapeln, Verpackungsfolie drumzuwickeln und alles an den Evros zu schicken. Wenn meine Mutter früher sah, dass ich mein Pausenbrot nicht gegessen hatte, kam zuverlässig ihr „Und in Afrika verhungern die Kinder.“ Wenn ich nun soviel Versorgung auf einmal sehe wie hier auf dem Esstisch, die ich ganz einfach im Supermarkt eine Straße weiter kaufen konnte, denke ich natürlich: „Und im Mittelmeer ertrinken die Kinder.“
Um meine Vorräte zu verstauen, muss ich die Küche anders ordnen. Ich räume meine Kühl-Gefrier-Kombi vollständig aus, entsorge vereinzelte, zerdrückte Eistüten vom letzten Sommer, säubere alles gründlich und räume das, was noch zu gebrauchen ist, und das, was neu gekauft ist, nach System wieder ein. Genauso räume ich mein Küchenregal und meine Vorratsschublade vollständig aus, sortiere aus, säubere gründlich, räume nach System wieder ein. Genauso im Badezimmer.
Nochmal Kaffeepause.
Nebenher höre ich Radio. Das kleine Küchengerät ist Dauerläufer – ich mag, wenn in der ansonsten stillen Wohnung permanent irgendein berichtendes Sendeprogramm vor sich hin redet, egal, welche Themen gerade beherrschend sind. Der Deutschlandfunk liefert inzwischen eine fast pausenlose Corona-Berichterstattung. In den nächsten Jahren werde ich mich an diese Hintergrundkulisse (besonders Sarah Zerback und Ann-Kathrin Büüsker höre ich gern zu) so erinnern, wie ich mich heute an die Berichterstattung während der heißen Brexit-Jahre erinnere (Friedbert Meurer, der mit schönstem rollendem R über jede Ermüdungsgrenze hinaus die Worte „Brüssel“, „Brexit“, „Großbritannien“ wiederholte, es war wunderbar).
Nach dem Einräumen fühlt sich die Küche vollständiger an als vorher. Deutlich. Ich schneide jetzt Zwiebeln, Knoblauch, Möhren, Paprika, ich koche meine Basis-Soße für alle Gelegenheiten, diesmal in großem Stil, der größte Topf muss dafür herhalten. Wenn sie fertig ist, werde ich sie portionsweise einfrieren.
Ich denke an Fridtjof Nansen und Roald Amundsen und ihre Polarexpeditionen. Ihre langen, langen Expeditionen. Wieviel Einmachgläser, Salzhering und Sauerkraut hatte die Fram im Bauch? Wieviel Proviant hatte die Polarstern geladen, als mein Schwiegervater darauf in die Antarktis schipperte, und was gab’s für ihn zu essen, wenn er auf der Fridtjof im Nordatlantik unterwegs war, oder auf der Walther Herwig?
Ich denke lieber an das Urmel-Buch, in dem der Professor und die Tiere zum Nordpol ziehen, um einen dort niedergefallenen Meteoriten für die Wissenschaft (und Onkel Pitsch) zu finden. Hundertmal habe ich vorgelesen, wie Wutz schnippelnd, rührend, töpfeklappernd am Herd steht und Vorräte für die lange Reise einkocht. Jetzt stehe ich schnippelnd, rührend, töpfeklappernd am Herd, koche Vorräte ein und fühle mich wirklich gut.
Ab Montag entfällt hier der Schulunterricht. Das macht mir keine logistischen Schwierigkeiten – ein echter Luxus meiner momentanen Häuslichkeit. Zuletzt habe ich mich auf Jobs beworben, wo das kollegiale Umfeld je ausschließlich aus Müttern mit Kindern im KiGa- und Grundschulalter bestand. Die Verteilungskämpfe um Urlaubszeit, die der Ferienzeit entspricht, konnte ich mir ausmalen, die kenne ich von all meinen anderen Berufsorten her. Die Dramatik, die jeder Schulausfall bedeutet für berufstätige Mütter, denen nicht gerade ein oder zwei in Rente befindliche Omas den Rücken stärken können, (Väter fühlen sich an dieser Stelle einfach mal mitgemeint, wenn’s nötig ist, in meinem direkten Arbeitsumfeld gab’s eben nie welche, höchstens vereinzelt auf weit entfernter Geschäftsführer-Ebene, und alleinerziehende Väter sind mir als Kollegen nie begegnet) und insbesondere für alleinerziehende berufstätige Mütter, die geht völlig an mir vorüber, diesmal. Dieser Krampf, den schon eine normale Kinderkrankmeldung bedeutete, wo Kolleginnen und Chefinnen höchstpingelig zwischen richtig krank (Grippe, Bein ab) und luxuskrank (bisschen Fieber, Durchfall oder was sich sonst noch mit ein bisschen Saft und Tabletten fitdrücken ließe) unterschieden. Diesmal nicht. Diesmal bleibt mein Kind über Wochen zuhaus, einfach so, und wir werden eine schöne Zeit draus machen. Wenn alles gut geht.

Rorschach-Qualle

Im Wald unterwegs. Im noch graubraunen Wald, noch vorm Frühlingsgrün. Trotzdem zeigt sich schon ganz stark eine frühlingshafte Umtriebigkeit; überall raschelt, stöbert, flattert, streift und wühlt es vor sich hin. Mal fliegt ein Ding vor mir auf, mal schnürt ein Ding am Waldsaum entlang, mal poltert ein Ding durchs Unterholz. Ich identifiziere ein jedes dieser Dinge sofort und eindeutig als Tier, aber es braucht jeweils ein wenig, bis ich mir sicher bin, als welches. Es sind milchige Wesen, die von tintendunklen Äderchen durchzogen, von flächigen, innerlichen Tintenklecksen durchfärbt sind, und indem sie sich bewegen, erscheinen sie zunächst bloß als ein schwarz-weißes Wabern, das die vertraute Silhouette verundeutlicht. Was da gerade vor mir davonfliegt wie ein in die Luft geworfener Klacks schwarzer Farbe in einem blassweißen, schützenden Geléemantel erkenne ich, wenn ich ein paar Sekunden lang mit den Augen dranbleibe, schließlich als Eichelhäher. Ich stromere zufrieden vor mich hin, es rauscht und knackt leise unter meinen Stiefeln. Das Licht strahlt sehr hell, es klingt auch sehr hell, sirrend, schwirrend, es durchdringt energisch Holz und Knochen. Während es mir die Wangen wärmt, fühlt es sich zugleich kühl an, wie Menthol, ganz anders als die heißbissige Sommersonne. Im Wald duftet es harzig, erdig, frisch, es duftet nach Moos und Regen, nach Rinde und Matsch. Jetzt ziehen zwei Rehe an mir vorüber – innerhalb der weißlichen Linien, die ihre Umrisse definieren, pulsieren die klecksigen schwarzen Gebilde bei jedem Schritt, verformen sich wie in einem Kaleidoskop, das mit dicker Tinte oder Öl arbeitet. Von Ferne kann ich außerdem einen aus gedrungenen Formen bestehenden Pulk ausmachen. In sich wühlend rollt dieser Pulk voran, in meine Richtung, dehnt sich aus in die Breite, sammelt sich wieder, und erst als sich einzelne Brocken aus dem Pulk lösen und aus dem Unterholz treten, erkenne ich darin Wildschweine. Na, lieber weg hier. Flugs verschwinde ich in eine andere Richtung, pflatsche durchs Bachbett, schlickere durch dicken Morast, gelange wieder in trockeneres Gelände und erreiche schließlich eine Lichtung. Auf der ich noch nie zuvor war – war die schon immer hier? Ob ich mich etwa verlaufen hab? Aber ich kenne doch die Stelle am Bach, und die morastige Senke, und den Baum da, ja, genau den! Die Lichtung ist nicht besonders großflächig, ihre Maße erinnern mich an ein Wohnzimmer; ein Zimmer im Wald. Das verwitterte Laub, das den Boden bedeckt, ist nicht wie überall graubraun, sondern rosig. Mittig in diesem Raum hängt was in der Luft. Milchig hell, dunkel pulsierend. Ein Ding schwebt da auf halber Höhe zwischen Boden und Baumkronen herum, das ich, wenn ich es mir so anschaue, als gigantische Qualle identifizieren würde, ja, was sonst? Ein kopfartiger Ballen und daran viele gliederartige Zotteln. Ein der Erde enthobener Baumstumpf könnte es natürlich auch sein – ein klumpiger Stumpf, von dem tentakeliges Wurzelwerk herabhängt, sanft hin- und herschwingend. Nein. Es könnte sich womöglich um ein riesiges Auge handeln, von dem verästelte Nervenstränge und Äderchen herunterbaumeln? Riesenwüchsiges, fliegendes Wurzelgemüse? Der Gott der, was weiß ich, Baumpilze? Das Ganze wirkt sehr symmetrisch, fällt mir auf. Was da drinnen so tintig wabert und pumpt, hat eine vertikale Spiegelachse. Ich schwebe ein bisschen hoch, um mir das mal genauer anzusehen – wie gut, dass ich das kann. Ich schwebe eine Runde drumherum. Ich schwebe näher ran, noch näher. Als ich meine Hand danach ausstrecke, weil es mich nun doch wirklich interessiert, eigentlich ja die ganze Zeit schon interessiert, wie sich diese plörrig-weiße Hülle wohl anfühlt und ob man eventuell hindurchfassen kann, hineinfassen, voll ins Schwarze – als ich es dann also tatsächlich mit der Hand berühre, vorsichtig, da ist meine Hand schon gleich selbst so eine weißliche Hülle, und dahinter pocht und kaleidoskopt es schwarz und klecksig, und nein, es macht keine Angst. Seltsam hell im Kopf macht es, denke ich, und sowie ich das denke, wache ich natürlich auf.

Hemden bügeln im Angesicht der Entropie // 12.02.2020

Lasst mich einfach bügeln.
Es ist Mittwoch, Mittwoch ist Bügeltag. Die Wäsche, die über die Tage aufgelaufen ist, liegt rechts von mir als krauser Hügel, all die Hemden fürs Büro, für Meetings, Vorträge, Geschäftsessen, Konditionsverhandlungen, Verbund-Besprechungen, all die Hosen, all die Shirts für die Schule und für Sport, all die Blusen. Links von mir schichten sich die gebändigten Stücke auf, nach und nach, glattgezähmt, komprimiert.
Mittwoch morgens ab acht wird gebügelt, was eine Tätigkeit ist, aber keine Beschäftigung.
Natürlich hasse ich es zu bügeln.
Natürlich ist es allerdings wunderbar, mich einen ganzen Vormittag lang ausschließlich mit Fernsehdokus zu beschäftigen, während ich zugleich doch so überaus tätig bin, ja!, an diesem Bügelbrett hier.
Mittwoch morgens stelle ich das Bügelbrett auf und eine Doku-Polonaise an. Ich lasse alles durchrauschen, was Youtube oder irgendeine Mediathek unter, sagen wir, „Doku Waldbrände“ so anbieten, höre einfach zu, schaue ab und an auch hin. Ich gebe mal dies, mal das ein: „Doku Kolonialgeschichte“, „Doku Deichbau“, „Doku Megacities“, „Doku Atomkraft“, „Doku Wirtschaftskrise“, „Doku Koreakrieg“ usw. usf. Heute „Doku Venezuela“.
Zunächst eine Reportage über die Hungeraufstände von 1989. Brutaler Straßenkampf, hunderte Tote. T-Shirts, T-Shirts, T-Shirts.
Als nächstes starten Dokumentationen zur Zeit der Militärjunta ab 1948, und ich, endlich fertig mit den leidigen T-Shirts, widme mich den karierten Hemden.
Folter, Verschleppung, Geheimgefängnisse – Knopfleisten.
Mütter, denen ihre Kinder entrissen werden – Ärmel, die glattgelegt werden.
Blut und Exkremente – duftige, saubere Wäsche.
Als ich gerade mit den Blusen angefangen habe, höre ich ein paar Sätze über Babyleichen. Darunter einen Satz, der so furchtbar ist, dass ich ihn nicht einmal tippen kann.
Ich könnte ihn nicht aussprechen.
Ich will ihn nie wieder auch nur denken.
Auf einen Schlag spüre ich, dass mir übel ist. Es war eindeutig dieser Satz, aber nicht nur; es war einfach die gesamte Polonaise. Ich wanke los, um die Fernbedienung zu holen, wo hab ich die nun wieder hingeschusselt? Finde sie, schalte die Doku ab und staune alldieweil über diese Übelkeit.
Wozu ist sie gut? Will sie dieses ungerechte Ungleichgewicht zwischen einer Frau, die um ihr Kind schreit, und einer Frau, die sorglos bügelt, ein wenig ausgleichen?
Ich schalte nicht aus, nur um; ich wünsche mir dringend Ablenkung. „Doku Energie“.
Mehr Blusen, Jeanshosen.
Entropie, erklärt die Doku, ließe sich in etwa als „Unordnungs-Grad“ beschreiben (was allerdings eine physikalisch unkorrekte Begrifflichkeit wäre). Nimmt die auf einen Gegenstand angewendete Energie zu, steigt die Entropie der Teilchen innerhalb jenes Gegenstandes. Ich hatte das alles mal im Physik-Unterricht – wie konnte ich das so gründlich vergessen?
Ein paar T-Shirts hatte ich übersehen, da sind also doch noch welche, Mist.
Ich möchte es einmal so sagen: Das höchste Maß erreicht die Entropie meiner T-Shirts, also ihr „Grad an Unordnung“, im Moment, da das höchste Maß an Energie auf sie angewendet wird, also indem das Bügeleisen auf sie drückt – im Moment ihrer vollkommenen Glätte und somit Ordentlichkeit.
Was mache ich hier?
Ich erinnere mich wenig an meinen Physik-Unterricht. Wenn allerdings bei dem Begriff Entropie etwas bei mir klingelt, dann die Erinnerung an ein äußerst unbehagliches Gefühl. Ich erinnere mich an die physiker-typisch verwurstelt ausgedrückte Rede meines Professor-Doktor-Lehrers, nach der die Entropie der Ultimativzustand sei, dem jegliche Struktur und Ordnung innerhalb dieses Universums seit dem Urknall zustrebe. Unvermeidlich. Freilich unterbrochen durch immer neue, Energie aufwendende Abläufe, die Strukturen und Ordnungen entstehen ließen, Sonnensysteme oder einen Menschen oder einen Lakritzhering. Aber, nun ja, eben trotzdem unvermeidlich. Am Ende stehe das ultimative Gleichgewicht der Energie. Ein Haufen Nichts.
Ich denke an die in diesen T-Shirts, Hemden, Blusen und Hosen gespeicherte Energie, die irgendwann ins Gleichgewicht hinein vergehen wird. An die Energie all dieses Kämpfens und Leidens und Schreiens und Liebens und Schmerzempfindens, die seit Jahrtausenden ins Gleichgewicht hinein vergangen ist und noch vergehen wird. Und – und jetzt fällt mir wieder ein, weshalb ich Physik seit der Schule immer so unbehaglich-sensationell fand – an meine. Eines Tages, unvermeidlich, einfach so.
Der Stapel links von mir ist inzwischen enorm angewachsen, du liebe Zeit.
Energie, Ausgleich, Auslöschung, Gleichgewicht – –
„Doku Landwirtschaft“. Es ist Mittwoch. Lasst mich einfach bügeln.