Was war, bevor die Autostraßen waren?

Landschaft, Landschaft. Vor Auto und Asphalt waren Wald und Heide und Aue und Moor. Kranke Kinder brachte man huckepack oder im Karren zum Doktor, den Feldweg runter, über die Kutschpiste, den Hellweg entlang, über Stock und Stein und, mit viel Glück, schneller als sie wegsterben konnten. Wie einsam war es vor den Kreisstraßen? Wie still war es vor den Bundestraßen, Autobahnen? Wie dunkel war’s vor Ein- und Ausfallstraßen, wo die Laternen blühen und die Scheinwerferlichter der Pendlerströme fließen? Alte Landkarten sind bloß geädert von Wasser, dazu ein paar Post- und Handels- und Pilger- und Römerstraßen, ansonsten Fläche und Siedlung und Stadt mit Grenzlinien wie Zellwände. Offene Landschaft, gesprenkelt mit Ortschaft, aber nirgendwo Geflecht. Wie im Himmel, so auf Erden.

Ich strenge mich an, aber es klappt nicht, mir die Welt vor dem Straßennetz auszudenken. Ich müsste mich dabei nur 100, 150 Jahre zurückfantasieren, mehr nicht, Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts sichten, bloß die schmalen Fetzen von Wildnis, die ich kenne, mir als groß und an einem Stück vorstellen – zu groß, es geht nicht. Die Moderne hat so gründlich ihre Straßen kreuz und quer durch die Landschaften gebaut, bis sie Straßenschaften wurden. Die Moderne hat so gründlich ihre Straßen gebaut, dass sie bis in meinen Kopf hineingeteert sind. Was für ein Bauwerk! Allgegenwärtig, maßlos! Unsere Pyramiden sind die Autobahnen, unser größtes zusammenhängendes Weltkulturerbe ist ein Netz von gewalzten Bändern, bestehend aus Megatonnen von Bitumen und Asphalt, die über Boden, Brücken, Berge laufen. Und all die laufenden Kilometer sind nur das und sonst nichts: laufende Kilometer. Kein eigener Ort, nur ein toter, feindlicher und alles durchschneidender Unort.

Wie gesagt strenge ich mich an, aber es kommt wenig Begreifen dabei heraus. Erst baute man Dörfer und Wälle und Häfen, solche Dinge, und dann irgendwann Alpträume. Erst begann der Mensch, die Welt dreckig zu machen, dann kam das Auto und machte sie besser, sauberer, moderner, ordentlicher, und so ging man eine Ehe mit dem Auto ein. Mensch und Auto wurden so sehr eins, dass man überzeugt war, indem man die Welt ganz und gar zum Wohle des Autos umbaute, täte man das alleinig zum Wohle des Menschen. Ach, diese Ehe brachte den glorreichen Rettungswagen hervor, der zahllose Kinder erreicht, bevor sie wegsterben! Amen. Und genauso den LKW-Unfall. Sie brachte uns die Erschließung der Welt, aber ja doch! Und ihre Verheizung.

Ich strenge mich an und kriege doch keinen Begriff davon zustande, was vor den Autostraßen war. Es war einmal – was war einmal? Und das ist ja nicht alles: Da wäre noch was, das viel vertrackter, deutlich vertrackter ist, kein Hirn, das hier nicht das Knistern kriegt, wissen Sie? Ich meine: Was WÄRE einmal, ich meine, NACH den Autostraßen?

Weltunbehagen, stapelbar

Ich vermisse es, zu zeichnen. Collagen zu machen – Tisch und Fußboden voll bunter Schnipsel, wuchernde Schnipsel, Blätter über Blätter, mein Garten aus Altpapier. Mit Acrylfarbe herumzuschmieren von zehn Uhr abends bis drei Uhr nachts. Ich kriege das nicht mehr hin.

Klar ist die Welt dran schuld, wer sonst! Nichts ist mehr begreiflich, alles macht Angst und Sorgen oder geht einem auf den Keks, wie soll man da malen? Und wozu auch?

Früher –

Früher einmal war die Welt so groß, dass man darin sogar allein sein konnte. Es gab einmal Brachen. Und es gab feste Bestände, feste Bestimmungen. Es gab Bereiche, die andere rein gar nichts angingen. Heute gibt’s in der Welt kein Entkommen mehr vor einander, vor Google, vor unserem Müll, vor der Unsichtbaren Hand usw. Jeder Zentimeter Erde hat einen bestimmten Grundstückswert und eine Internetbewertung, jeder Kubikzentimeter Luft, Land, Wasser hat einen messbaren Belastungswert. Jede Utopie eine Wirtschaftsutopie, jeder Krieg ein Rohstoffkrieg. Wir selbst sind nur laufende Datensätze, die Produkte konsumieren, Müll und Ausstoß produzieren, Rohstoff verbrauchen.

Aber während sich alles um Verwertungsaspekte dreht, pflegen wir gleichzeitig eine unheimliche Beziehungslosigkeit zu den Gegenständen unseres unmittelbaren Alltags – Entschuldigen Sie, aber es lässt sich nur umständlich ausdrücken, was ich sagen will, nun:

Das kaiserzeitliche Bürgertum hatte es sich in seinen Villen schon so hübsch eingerichtet, dass das Hauspersonal bloß noch die Rolle von Gespenstern erfüllte. In ein und demselben Haus bestanden zwei getrennte Welten: für die einen gab es den Eingang, die Treppe, das Schlafgemach, das Esszimmer, für die anderen gab es den Dienstboteneingang, die Personaltreppe, die Zwischendecken, die Küche und die Hauswirtschaftsräume. Die einen hatten es komfortabel, die anderen hatten kein Leben. Räumliche und soziale Trennung gingen schon immer einher. Je mehr Dreck und Gestank die Industrie verursachte, desto weiter entfernt residierten diejenigen, die gut daran verdienten. Zwischen den herrlichen Fassaden europäischer Handelsstädte und den Sklaven-Pferchen auf Kautschuk- und Zuckerrohrplantagen lagen so viele Seemeilen, dass man sich einbildete, nicht einmal der liebe Gott würde so weit gucken. Räumliche Trennung erzeugt Anonymität, das fanden wir schon immer angenehm. Als es uns in der Nachkriegszeit allmählich zu stinken begann, dass unsere Gewässer vor lauter Industrieverseuchung bloß noch Giftbecken waren, erfand man den Umweltschutz – und eröffnete neue, größere Schmutzwerke dort, wo sie asiatische oder südamerikanische Flüsse vergiften, aber halt nicht mehr die Elbe. Dass wir Billigklamotten lieben und uns gleichzeitig nicht drum scheren, wie und wo und von wem diese unvorstellbaren Massen an Textilien produziert werden, muss man keinem mehr erklären. Weltweit stellen irgendwelche anonymen Gespenster die Dinge unseres Alltags her, all diese Lebensmittel, Chemie, Technik, Baustoffe.

Fragen sich die Menschen Malaysias vielleicht manchmal, was für seltsame Gespenster es sind, die im Westen so viel Palmöl benötigen, dass alle Plantagen zusammengenommen die Größe eines eigenen EU-Staats hätten?

Mitunter scheint der Umstand, dass wir von so vielen Produkten und Produktionsprozessen ganz entfremdet sind, eine Art von Entzugsschmerz zu verursachen: Was sonst inspiriert wohl unsere ständig neuen Crafting Trends? Warum sonst eröffnen Jura-Studenten plötzlich eigene Mini-Brauereien, fangen Telefonistinnen an, privat Ziegenkäse herzustellen, wozu bastelt man sich eine Wohnlandschaft aus Europaletten oder versucht, Tischdeckchen aus mühsam gewonnenen Brennnesselfasern zu weben?

Ich selber verstehe nicht nur nicht, wie ein Smartphone im Inneren funktioniert, ich kann außerdem keine Bluse nähen, habe noch nie einen Stuhl getischlert, kann keinen Tesafilm herstellen, weiß nicht, wie viele Ähren Hartweizen man braucht, um eine Tüte Nudeln zu produzieren, habe keine Ahnung, wie man einen funktionierenden Backofen baut, kenne keine einzige Methode und Zutat, um Blutdrucktabletten zu machen. Usw. Alleine im Wald überleben würde ich übrigens auch nicht.

Falls Sie mir bis hierhin gefolgt sind – ich muss jetzt abbrechen, es liegt ein Stapel Papier neben mir, und meine Hand hat überraschend angefangen, Skizzen zu kritzeln: Es handelt sich, glaube ich, um kleine Geräte, Maschinen, ja, und je weiter ich an ihnen herumzeichne, desto deutlicher wird mir, dass sie alle eine spezifische Scheinfunktion erfüllen, sodass man hierbei offenbar von Lifestyle-Produkten sprechen muss. Eine Maschine hat ein ganz schnittiges, futuristisches Design und spuckt alle dreißig Sekunden eine erdbeergroße Glitzerkugel aus, die sich, während sie durch die Luft segelt, auflöst – Amazon bietet Nachfüllpacks in den Größen S bis XL an. Es gibt Klötzchen in organischer Formgebung, die wunderbare, konfigurierbare Raumdüfte verströmen, welche zugleich psychotherapeutisch auf Ihr Haustier wirken, mit LED-Beleuchtung in 64 verschiedenen Farben, stapelbar zu einer individuellen, bereichernden Wohnskulptur! Ein anderes Ding in schlicht-geometrischer Linienführung wird an der Zimmerdecke montiert und energetisiert die Raumschwingungen analog zu Ihrer Herzfrequenz, wofür Sie es bloß an ihre Smart Watch koppeln müssen; es setzt außerdem die Kursbewegungen ihrer Aktienpapiere in Infraschall-Impulse um. Daneben eine handliche Apparatur, die Schaum in Stangenform fixiert, mit einer Haltbarkeit von, je nach Schaum-Sorte, 3 bis 8 Minuten.

Was ich vermisse, obwohl das gar nicht so sehr der Rede wert wäre oder ich es ungern zugebe – ein Katalog

Abenteuer Forschung mit Joachim Bublath.

Blechkämme in Herrenjeanstaschen.

CDs. CDs auf dem Fußboden, CDs auf dem Bett, CDs im Regal der Freundin, CDs auf dem Fensterbrett des Freundes, Regalwände voller CDs in Elektro- oder Plattenläden. Ihre klapprigen Plastikhüllen, in besonderen Fällen Pappschuber.

Chris Cornell.

COOP.

Cordjacken.

Daria Morgendorffer.

Discman hören im Bus.

Doktor Snuggles.

Egon Bahr.

Eintrittskarten von der Rolle.

Ellen Arnhold.

Evelyn Hamann.

Familienfeier-Geräusch. Tellerklappern, Schritte, die summende Anwesenheit der Leute, wie sie essen, gackern, schimpfen, sich freuen, hektisch sind, rauchen, trinken. Die Stimmen von Erwachsenen, wie man sie ausschließlich als Kind hören kann.

Fahrraddynamos.

Fenster mit Sturmhaken.

Festnetz-Telefonnummern.

Gymnasium. Meine Schulbücher, meine Schulbücherei, mein Mäppchen mit Stiften und Talismanen. Die einfachen Erfolge, die genügten, um spürbar in der Welt zuhause zu sein: eine 1 in Englisch, eine knappe 3 in Mathe.

Hallo Spencer.

Hanni und Nanni.

Herrn von Bödefelds Insel.

Hobbythek mit Jean Pütz.

Kinderzimmer. Ein sehr komprimiertes Reich: ein Fenster, eine Tür, Bett, Schrank, Schreibtisch, Stapel von Büchern, Haufen von Klamotten; an der Türschwelle schieden sich Außen- und Innenwelt, erkennbar am spezifischen Geruch der Luft.

Klapperautos. Rostige Fiat Pandas in Himmelblau, knallfarbene, mit Blümchen bemalte Citroën 2CV (Ente), über und über mit Aufklebern tapezierte VW Golf mit 100.000er-Tacho und zuammengewürfelten Kotflügeln.

Kölnisch Wasser.

Krone-Zigaretten.

Latzhosenhippies mit ergrautem Zauselhaar, Rundbrille, Hollandrad und Atomkraft-nein-danke-Banner am Gartenzaun.

Lavendelsäckchen.

Lexika.

Loriot.

Matrizendruck.

MTV und VH1.

Nachts fernsehen.

Nachts heimlich aus dem Fenster dachabwärts auf den Wintergarten klettern.

Nachts heimlich in die Feldmark laufen.

NOFX-Sweater.

Postkarten im Briefkasten.

Registrierkassen mit Handeingabe.

Selbstversorgergärten von Siedlungshäuschen. Erdbeeren, Gurken, Rhabarber, Radieschen, Dill, Pfefferminze, Kohlrabi, Erbsen, Bohnen, Möhren, Zwiebeln, Johannis- und Stachelbeerbüsche, gerne auch Apfel-, Birnen-, Kirschbäume, am Rande eine Reihe Rosen oder Dahlien, unbedingt Tagetes.

Space Shuttles.

Transistorradios.

Videorekorder und handbeschriftete VHS-Kassetten.

Vierfarbdruck.

Wäscheleinen.

Werkstätten von Handwerksbetrieben inmitten von Wohn- oder Einkaufsstraßen, Elektrofachgeschäfte um die Ecke, Klein-Gärtnereien in kleinen Ortschaften.

Zeichentrickfilme, CGI-frei.

Zeitschriftenläden. Magazine und Zeitungen vom Boden bis zu Decke, zu quasi jedem Thema, in verschiedensten Sprachen, Heftchen für ein paar Groschen, teure Hochglanzmagazine, Comics, Sonderhefte, Kuriositäten, „mit großem Poster im Innenteil“.

Ja ja, Bunker

Ich weiß noch, dass ich als Kind gerne in einem gewohnt hätte, ich malte mir das richtig aus, am liebsten in so einem Geschützbunker an der Küste (Atlantikwall). Hässlich, wenn Kinder solche Dinge sagen, ja ja. Laut gesagt hätte ich das selber natürlich nicht; immer, wenn ich beinahe meinen Mund aufmachte, um irgendeinen Kinderkommentar zu irgendeiner Erwachsenensache zu tätigen, lag schon die Ahnung von Unangebrachtheit dick wie Dämmwolle in der Luft. Aber, die Bunker: Erstens war ich nie gezwungen gewesen, mein Leben einem anzuvertrauen, daher mein Luxus, diese Dinger mit einer gewissen Fantasie wahrzunehmen. Zweitens ist es normal für Kinder, die Bestandteile ihrer Umgebungswelt ausgiebig zu betrachten, womit ich freilich meine: bis ins letzte Atom zu durchglotzen, und sie dabei mit einem dicken, sehr dicken Kokon von Gedanken zu umspinnen, und was für Ergebnisse das hervorbringt, richtet sich nicht danach, was Erwachsene als angebracht empfinden, sondern was die Umgebungswelt schlechterdings eben so anbietet (AUCH Bunker). Drittens war ich schon immer schrecklich vernarrt in Steine, besonders Findlinge, und ein Bunker, fand ich, ist so etwas wie ein wirklich kapitaler Findling, ein Fels, dessen Inneres man betreten kann. Betreten! Hinein gelangen in das Verschlossenste, was man sich (als Kind) denken kann! Ist es sehr kühl darin, wonach riecht es, wie klingt ein Findling von innen, sind seine Wände rau oder matt oder spiegelblank, und wird es ein bisschen glitzern, falls man ein bisschen Spucke drauf schmiert? Und in so einem Bunker? Stellt man sein Bett hinein und dazu eine Laterne – blaken dann sehr unheimliche Schatten die Wände hinauf, oder sind es warme und freundliche?

Solch unsinniges Hineinwollen ist eine spezielle Sorte Neugier. Meine umfasste insbesondere (und unter kriebelnder Sehnsucht, denn das Bedürfnis nach Zuflucht, nach Zuhause ist eine nicht nebensächliche Zutat solcher Gespinste) Scheunen, Schränke und Truhen, Schachteln und Dosen, Flaschen, Bojen und Tonnen, Tannenbaumkugeln, Gewächshäuser, Schneckenhäuser und Muscheln, Kaffeekannen, Samenkapseln, Baumlöcher, diverse Gemüsesorten, Maschinen. Später Windkraftanlagen. Wer je Bäume und Türme mochte, muss auch sie gern haben. Von meinem Wohnzimmerfenster aus schaue ich heute nach Süden auf eine Fünferreihe von Windrädern in der Ferne, die tags mit ihren Quirlbewegungen, nachts mit dem rätselhaften Morsecode ihrer rot-blinkenden Signallichter etwas Aktives ins ansonsten stille Bild einbringen. Wenn ich an den Neun Schwestern (alle Strukturen, alle Großelemente werden im Flachland automatisch zu Landmarken) nördlich des Ortsrands vorbei radle, stelle ich stets fest, dass Windräder aus der Ferne – wie verwandelt – eine völlig andere Sache sind als Windräder aus der Nähe. Manchmal halte ich bei ihnen an, mache eine Pause, sitze auf den Stufen der Industrietreppen zu ihren resedagrünen Füßen und fühle mich sehr wohl, als säße ich auf der Treppe zum Eingang meiner Wohnung, als sei das Rad mein Wohnturm, mein geflügeltes Haus, ja ja, genau hier würde ich leben: Mein Blick schweift über den Feldweg, die verkrautete Zufahrt zum runden Grasfuß um den Windturm herum, ich stelle mir das als Garten vor, und dann die runden Wohnräume mit ihren glatten Metallwänden, und die Innenleiter, die die einzelnen Räume auf den verschiedenen Ebenen verbindet, und die kleinformatigen, rundeckigen Fensterchen wie in einem Flugzeug, und außen die Hausnummer in signalroter Lackierung wie bei einer Rakete; ganz besonders angetan hat es mir, warum auch immer, die U-Boot-Tür – links neben ihr wäre der Klingelknopf, der mehr wie ein Schaltknopf aussähe und an Kybernetik und Space-Age-Steuerungsrelais denken ließe, und darüber mein Name auf einem kurzen Streifen von selbstklebendem schwarzen Plastikband, eingeprägt mit dem Dymo-Etikettiergerät.

Seltsam, beinahe enttäuschend sogar fand ich immer, dass Computerspiele mit ihren zunehmend absorbierenden Welten keinerlei Reiz auf mich ausübten.

Ach, und kennen Sie möglicherweise die heimeligen Anziehungskräfte von Uhrkästen?

Grüngut abgeben im Angesicht der Entropie

Wertstoffhöfe sind keine Verweilorte. Sondern – Verrichtungsorte? Wie Supermärkte, Tankstellen, Zahnarztpraxen, Telekom-Shops usw.: Orte, wo man seinen Krempel herholt oder ablädt, erledigen muss oder erledigen lässt, Sie wissen schon. Ewiglich. Als ich den großen Sack Rasenschnitt aus dem Auto wuchte, kommt der Regen wie aus Gießkannen runter. (Es ist nicht mal mein Rasenschnitt, den ich hier ständig wegfahre; ich bin eine gute Tochter.) Letztes Mal wehten mir bockige Böen Grasklumpen um die Ohren. Jedes Mal stinkt mein Kleinwagen nach Kompost. (Rasenflächen als Gartenkonzept: die Geschichte eines Irrtums.) Man muss immer wieder in den Supermarkt, der Lauf des Lebens, es hört nie auf, immer wieder zum Zahnarzt, immer wieder zur kommunalen Grünannahmestelle, immer wieder zu —

Ein schwarzer 3er-BMW rauscht heran, provinzieller Totem für Trivialprahlerei und Testosteron; verpflichtend wummern aus dem Innenraum laute, quabbelige, wie aquaristisch verzerrte Bässe. Der Rhythmus rollt die Nachbar-Rampe zur 10-Kubikmeter-Absetzmulde rauf – aber warten Sie mal, das ist kein Techno, nein nein, das ist —

Die BMW-Tür wird aufgerissen, der Regen versiegt augenblicklich. Eine Welle von goldenem, butterweichem Sonnenschein rollt über mich hin. 10 Kubikmeter Disco-Glanz und Gloria, himmelhoch flirren die Orgeltöne: WOOOMAN, TAKE ME IN YOUR ARMS, ROCK YOUR BABY —

Unser Körper ist bloß Biomasse, schnödes Fleisch um einen verborgenen Kern aus Paradies, ja. Wie konnte ich das nur vergessen, BMW-Mann?

Wir Unversehrten

Vor dem Großen Beerdigen – zwischen meinem 13. und 15. Lebensjahr starb die Gesellschaft alter Leute, unter denen ich aufgewachsen war, auf einmal zügig und flächendeckend weg – vor der Friedhofsphase in den 1990ern also waren meine Geschwister und ich ständig umgeben von unseren Groß- und Urgroßeltern und deren zahlreicher Geschwister- und Cousinenschaft, Opa Willem, Oma Grete, Tante Hedwig, Tante Alma, Onkel Herrmann, Onkel Otto, Opa August, Oma Dörchen, Tante Hilde, Tante Traute, Tante Lieschen, Tante Mariechen, Oma Inge, Tante Inge, Tante Hertha, Tante Christa, Tante Elli, Tante Resi usw. usf., sowie der Nachbarschaft höheren Alters, Onkel Willy, Onkel Heini, Tante Marlies, Tante Frieda, Tante Elfriede usw., kurz: Kriegsmenschen.

Die wirkten auf mich allesamt altersgleich. Wenn ich mir die seltenen Fotos von damals anschaue, wird dieser falsche Eindruck nicht berichtigt, sondern bekräftigt: Jahrgänge von 1897 bis 1937 – unterschiedslos alt. Oh Heimat, deine Kittelschürzen! Dazu Dutt, Faltenrock, blickdichte Strümpfe und schwarze Schnürschuhe. Männer kämmten das Haar mit Birkenwasser zurück, trugen Cordhosen, Hosenträger, Drillichjacken. Zu Beerdigungen holte man den Beerdigungsanzug, den Beerdigungsrock und -Mantel heraus. Den guten Anzug, den guten Rock und Mantel (eine gute Bluse, Bernsteinkette und Brosche) trug man zu Geburtstagen, Hochzeitsjubiläen, bei der Rotkreuz-Versammlung und am Wahlsonntag.

Die universelle Anmutung von Hochaltrigkeit – gleichgültig, ob diese Leute nun über 90 oder Mitte 50 waren – hatte Gründe, die mich als Kind in den 80ern freilich nicht beschäftigten. Frauen, die von Kind an in der Landwirtschaft gerackert und später mehrere Kinder, aber keine medizinischen Zuwendungen bekommen hatten, wie sie heute üblich sind, alterten früh. Schon mit 40 waren sie die wuchtigen Matronen mit Rundrücken, Arthrosebeinen und roten Händen oder die ausgezehrten, sehnigen Gerüste, als die man sie fortan kannte, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre lang, bis sie irgendwann tatsächlich so alt waren, wie sie längst aussahen. Bei den meisten Herren gehörte ein Krückstock fest zum Erscheinungsbild – dahinter steckten manchmal ein steifes Bein oder ein früher Schlaganfall, häufig eine schlecht sitzende Prothese. Körperliche Deformationen waren gewöhnlich. Zwar wurden sie nach Möglichkeit nicht zur Schau gestellt, ließen sich in vielen Fällen aber nicht kaschieren. Ich empfand all die Glasaugen, fehlenden Finger und Hände, Brand- und Schrapnell-Narben, schief zusammengeflickten Kieferknochen und unvollständigen Ohren keineswegs als sonderbar. Es gab einen Onkel, dessen Zähne mir seltsam vorkamen – der einzige über 50jährige in meinem Umfeld, der kein Vollgebiss, sondern noch sein echtes besaß. Ausnahmslos alle Alten waren hörgeschädigt bis an die Grenze zur Taubheit, da halfen auch die vielen Hörgeräte nicht (damals grobschlächtige und nicht sonderlich ausgereifte Modelle, die besonders in Gesprächssituationen grauenvolle akustische Nebeneffekte produzierten). Zur Schwerhörigkeit gesellten sich diverse Ticks, manche davon sehr augenfällig, andere nur bei eingehender Beobachtung als solche zu erkennen.

Ich schob die gesammelten Gebrechen automatisch aufs Alter und brauchte eine Weile für die Erkenntnis, dass die Alten schlechterdings schon seit ihren mittleren Jahren oder sogar seit Teenagerzeit so und nicht anders herumgelaufen waren: versehrt (verkrüppelt sagte man nicht), psychologisch unbehandelt, massiv hörgeschädigt (nicht allein durch Gefechtslärm – ich kenne das Phänomen Hörsturz durch Alltagsstress, und wie sollten wohl meinen Tanten auf dem Treck über die gefrorene Ostsee, meinen Onkeln im U-Boot usf. nicht erst recht und sicherlich mehr als einmal die Ohren durchgeknallt sein?), organisch angegriffen nach Phasen von Mangelernährung, später von zwanghafter Schlemmerei, und durch Bluthochdruck.

Ich war gern bei den Alten. Sie fühlten sich paradoxerweise für mich intakter an als die meisten Nachkriegsmenschen – meine Eltern, deren Geschwister, Cousinen, Cousins waren allesamt Malocher, Kettenraucher (von den Alten rauchte niemand), sie tranken aggressiver und sie verströmten vielfach eheliche Freudlosigkeit und generell einen strammen Hauch von Unglück und Depression. Während die Alten in ihrem Leidensmonopol unanfechtbar waren und ihre Macken niemals rechtfertigen mussten, zählten die Sorgen meiner Eltern rein gar nichts, ihre Wünsche noch weniger. Die Quoten von Alkoholismus, Suizid, Krebs waren unter den Freunden und Altersgenossen meiner Eltern astronomisch.

Ich erinnere mich gern zurück an ein Zeitfenster von etwa fünf, sechs Jahren Dauer, so als junge Erwachsene, worin ich mir gestattete, mich selbst einmal ernst zu nehmen. Das war interessant. Eine echte Rolle zu spielen, für mich selbst, anstatt ewig und unergiebig zu grübeln, welche Rolle ich für diejenigen gespielt hatte, die zu taub oder zu unglücklich gewesen waren, um mir je ernsthaft zuzuhören.

Eine gesunde Erfahrung, sicherlich, jaja, aber die Zeit, um ein solches Gewese um mich selbst zu machen, ist natürlich längst wieder passé. Nicht erst seit gestern, seit Syrien, Mittelmeer, Pandemie, Ukraine, Demokratieverfall etc. Nicht erst seit vorgestern also, wenn mein Kind dann genau mittendrin stecken wird in den Klimakriegen und sich fragen wird, was zum Henker das für Zeiten waren, wo man im Alltag Ruhe bis Langeweile und im Notfall Medizin hatte, wo man essen und trinken konnte, wenn einem danach war, und wo man sich in Blogbeiträgen darüber ausließ, wie beschädigt die eigenen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern doch waren, als sei daran irgendwas irgendwie bemerkenswert, wtf.

Wie man Gespenster züchtet

Heute (betrachten Sie das als Füllwort) nichts erlebt, nichts geschrieben, nichts besonderes gemacht. Ein bisschen gearbeitet (Teilzeit), ein bisschen geputzt, gekocht. Nichts dabei gedacht.

Höchstens: Die Erfindung der Null in der Mathematik trägt der Bedeutung des Nichts für das große Ganze Rechnung. Diese Gespensterzahl, die an sich nichts erfasst, ermöglicht dem ganzen System erst seine Funktionalität, Komplexität, Aussage. Ich meine –

Warten Sie, ich will nur schnell meine Pelargonien gießen –

Ich habe sehr viel Lebenszeit unter Pflanzen verbracht. Viel entscheidende Lebenszeit, würde ich sagen. Der Umgang mit Gewächsen ist tröstlich, ich empfand das als Kind immer sehr deutlich und werde auch heute schnell unglücklich, wenn mir der Kontakt zu ihnen fehlt. Bäume sind wichtig, verwucherte Wegränder und Böschungen sind unentbehrlich, Wiesen zwingend notwendig.

Alldieweil bin ich sehr empfänglich für die Sirenenstille verwaister und unkrautig gewordener Industriegebiete und verfallener Scheunen, von Brachflächen, Unorten im Toten Winkel von Durchgangsbereichen, Unorten fernab von Durchgangsbereichen usw. Können Sie es auch summen hören, dieses Summen von Weltall oder, ich weiß nicht, von Ewigkeit in diesen stummen Räumen?

Zimmerpflanzen sind hilfreiche Phantom-Natur für mich, an ihnen kann ich meine kleinbäuerlichen Gene zum Vergnügen ausleben: hegen und pflegen. Einige großformatige Töpfe in meinem Zuhause spielen Biotop, darin sind mehrere Pflanzen, die ähnliche Ansprüche teilen, zu einer Szenerie zusammengepflanzt. Ein miniaturisierter Ersatz für Kalifornien, die Tropen, die Kanarischen Inseln. Einige Bäumchen sind bereits so ausladend und schwer geworden, dass komplizierte Schnurkonstruktionen zwischen Dachschräge und Decke sie davon abhalten müssen, vor lauter Gedeihen plump umzukippen.

Mir wird ständig geraten, mir ein Haustier anzuschaffen. Jesus! Jeden Tag sehe ich die Dorfbevölkerung mit ihren Wohlstandshunden Gassi gehen, immer dieselben Runden zu festen Zeiten, Kotbeutelchen schwenkend, und das illustriert meinen Begriff von haarsträubender Fremdgesteuertheit sehr plastisch. Anderer Leute Leben dreht sich um ihre Katzen oder, Gott bewahre, Pferde. Nichts für ungut – halten Sie Haustiere, wenn es Sie glücklich macht, warum nicht? Ich selber hadere mit dem Konzept Haustier. Obwohl ich in einem Haus voller Tiere aufgewachsen bin (Hunde, Katzen, Kaninchen, Fische, ach!) und das wunderbar fand. Als Kind. Das sonst keine Freunde hatte.

Meinen Sie, all diese Gespenstertiere – Hunde, Wellensittiche, Chinchillas, Meerschwein usw. usf. – sind glücklich, der persönlichen Unterhaltung und Erbauung ihrer BesitzerInnen dienen zu dürfen?

Meine gelegentlichen Kopfweh drücken an genau dieser einen Stelle am Hinterkopf, wo man idealerweise ein Loch bohren würde, um mich an einem Haken an der Zimmerwand in Positur zu hängen, schön gerade, ein dekoratives Wohnaccessoire.

Ich liebe Wildtiere. So ist das. Wild- und Gartenpflanzen, die Insekten und Wildvögel, die Tiere in Wald und Flur zeigen mir zudem die Zeit an: Blattentfaltung, Kastanien- und Fliederblüte, Schwalbenflug usw.: Mai. Liebe Güte, schon wieder so viel Lebenszeit verschlafen? Das ganze Jahr über schreit ja immer irgendein Tierchen oder Pflänzchen Memento Mori. Das Konfetti von Apfel-, Kirsch- und Birnenblüte ist längst vergangen, gerade verwest die nächste Schicht aus den kleinen krausen Trichtern welker Kastanien. Heute gaukelnde Wolken von Eintagsfliegen – nach einer kurzen Weile bloß noch schwarzgrauer Staub. Ab und an eine ausgedörrte, pechfarbene Krötenmumie am Wege. Storcheneltern schubsen ihre aussortierten Drittgeborenen über den Nestrand.

In der Küche, in einem großzügigen Pflanzbottich, ziehe ich seit geraumer Zeit eine hübsche, filigrane, blauschimmernde Pinie. Heute, wie ich sie so dastehen sah, mit ihren Wurzeln im Pott und um den Pott herum haufenweise Einkaufstüten, kam mir plötzlich in den Sinn zu sagen: armes Ding.

Wer weiß, in zwanzig Jahren wird man das Konzept Gespensternatur, vulgo: Zimmerpflanzen, vielleicht für vollkommen überholt halten. Albern. Oder sogar verwerflich, missbräuchlich! Früher steckte man ja auch einen Goldfisch in ein Kugelglas und nannte das Hobby, oder man stopfte einen einzelnen Ziervogel in einen kleinen, engen, dekorativen Käfig, worin er nicht mal die Flügel ausstrecken konnte, und seine Hospitalismushüpfer fand man dann putzig.

Ebenso war man, wie wir alle wissen, damals überzeugt, der natürliche Lebensraum einer Frau sei einzig und allein der Haushalt. Heute ist ihre Berufstätigkeit – mindestens Teilzeit muss sein – ihre eigentliche Bestimmung und hat sie, damit wir uns gleich richtig verstehen, natürlich aus der seelenmörderischen Alternativlosigkeit des Nachkriegshaushalts befreit, das muss man sagen, ja.

Was hätte ich, sagen wir, vielleicht 1962 gemacht, tagein, tagaus, Hausfrau, das Kind in der Schule, der Mann bei der Arbeit, die Wäsche- und Geschirrstapel so groß und die Wände so eng? Mir ein bisschen Frohsinn angetrunken? Meinen Arm mit der Kartoffelreibe gestreichelt?

Ein paar Stunden im Laden oder Büro rackern, sich daheim um Familien- und Haushaltskram kümmern, einkaufen: Das allermeiste, was ich seit geraumer Zeit so tue, zählt nicht viel, aber tut auch nicht weh. So ist das. Ist das Gejammer? Ich habe es gut.

Was ich tue, bedeutet an sich nichts, aber ohnedem täte das große Ganze nicht funktionieren, nicht gedeihen, und das tut es natürlich, im Ernst: prächtig. Das Kind wird jetzt älter und selbstständiger, die Oma wird älter und unselbstständiger, so verschiebt sich die Sorgearbeit ein bisschen. Der Mann (Vollzeitgespenst) wird manchmal gefragt, was für Hobbys er hätte, ja wirklich! Vor lauter Funktionieren und Gedeihen einmal dazu kommen, die Arme weit auszustrecken, nach links und nach rechts, ohne irgendwo anzustoßen – eine solche Spanne an Zeit und Raum hätte er gerne mal. So ist das. Ist das Gejammer? Wir haben es gut. Meine Ehe ist ein Segen, mein Kind ein Geschenk, daran gibt es nichts zu rütteln: Glück. Wie gesagt, das allermeiste, was ich so tue, bedeutet nichts und tut keinem weh. Mir selbst auch nicht, nein – nicht einmal mir.

Vergeblich

Die Ähren sind schwer, aber noch unreif, sie stehen auf lindgrauen Halmen. Hochgewachsen. Ich schiebe mich durchs dichte Feld und habe dabei Schwierigkeiten, mir die Grannen vom Hals zu halten. Wie in einer Kindheitserinnerung; als wäre ich sehr klein. Tatsächlich ist das Feld weit wie ein Meer, die Halme wachsen knisternd höher und höher, der Roggen verschluckt mich. Windrauschen, Wellenrauschen. Die Luft ist drückend heiß, aber das bekommt dem Getreide und ich mag den warmen Geruch, der dem Boden entströmt. Ich ziehe weiter durch die Halme, ich ziehe immer weiter, ich muss Wache halten. Das Feld endet hier an den Klippen, wer das Gelände nicht kennt, stürzt hinab, und das muss ich verhindern, ich muss die Kinder fangen, die sich beim Spiel im Feld gegenseitig jagen und dabei verlaufen, viele Kinder, alle Kinder muss ich fangen.

Gegen das Aufwachen heute habe ich mich schwer gesträubt – ich meine, ich war mitten dabei, meinen Job zu machen, eine Aufgabe zu erfüllen, und zugleich hatte ich seltsam Spaß – aber genützt hat es nichts.

Als Teenagerin war der Catcher in the Rye meine Bibel. Es hat nichts besser gemacht, dieses Buch zu lesen, aber es linderte Einsamkeitsgefühle und hat mich durchaus zutraulicher gemacht gegenüber anderen, denn auch in anderen, dämmerte mir, steckte etwas Holden Caulfield.

Gestern Abend las ich, dass sich ein Teenager an der Schule meines Sohnes, an meiner alten Schule, das Leben genommen hat, und fand die Nachricht, obwohl persönlich unbetroffen, so entsetzlich, dass mein Hirn sich wohl nicht anders zu helfen wusste, als nun diese altbackene, aber tröstlich-vertraute Figur im Schlaf lebendig werden zu lassen: den Schutzpatron aller Ungeretteten.

Der Haken an diesem Traum war nun aber, dass er auch alles übrige wiederbelebte. Dass ich nicht nur als Schutzpatronin den Klippensaum bewachte, um Kinder vor dem Absturz zu bewahren, sondern zugleich selbst als Kind durchs Feld tobte, rannte, sprang. Und ich war alle Kinder.

Hemden bügeln im Angesicht der Entropie // 06.04.22

Es ist Mittwoch. Lasst mich einfach bügeln.

Kopfkissenbezüge.

Mein Kind hat Schulferien, ich habe Urlaub, die Ukraine hat Krieg. Mein Mann hat ab Donnerstag Urlaub.

Kinder-Bettwäsche.

Inzwischen wohnen wir länger als einen Monat im neuen Zuhause. Schon eine Woche nach Umzug war mir, als hätten wir nie anderswo gewohnt – erstens weil wir erprobt darin sind, einen Umzug gründlich abzuwickeln und ein neues Zuhause rasch einzurichten, zweitens weil diese Wohnung uns das Wohlfühlen leicht macht. Lediglich heute früh – in der stillen Küche, das Kind muss gar nicht zur Schule, ich muss gar nicht zur Arbeit – fiel mich einmal die Desorientierung von der Seite her an: Wo bin ich hier? Eine Ferienwohnung vielleicht, und für wie lange hatten wir die wohl gebucht? Wann müssen wir wieder nach Hause?

Bettwäsche, Bettwäsche. Ich habe keine Bekleidung für die Spendensammlung des THW übrig; vor dem Umzug habe ich alle Kinderklamotten, die zu klein geworden sind, abgegeben, um jedes bisschen Ballast loszuwerden, und ich selbst habe eigentlich nie Kleider-Überschuss, ich kaufe mir neue Hosen, wenn die alten kaputt sind. (Bettwäsche besitze ich etwas mehr; bei Umzügen kann ich die Spiegel und Bilder darin einwickeln, und wir haben häufig Übernachtungsgäste.) Nichts horten. Für welche Ewigkeit soll man seinen Quatsch denn auf Dachböden, in Abstellkammern, in Kellern lagern, wenn man dem Leben ständig hinterherrennt? Wir brauchen nur das Reisegepäck, die Marschausrüstung.

Die Hose für die Arbeit.

Alles andere ist was für zufriedene Fossilien.

Der Pullover fürs Heimwerken, nicht bügeln. Die andere Hose für die Arbeit.

Im Fernsehen zieht eine Gruppe von Frauen, beladen mit Taschen und Rucksäcken und an den Händen die Kinder, durch Bruch, Ruß, Kälte, Gewühl, Dunkelheit. Die Geschichte fängt immer wieder von vorne an.

Hemden, neu.

Letztes Jahr hatte mein Mann einen neuen Job angenommen, damit wir in diese Gegend wechseln konnten. Umzug direkt in mein Elternhaus, wir wollten es sanieren, es tat mir weh, dass es nach und nach herunterkommt. Meiner Mutter, die dort im Obergeschoss lebt, war der gute Wille am Ende doch zu viel, das Entrümpeln und Umbauen und Putzen und Tapezieren und Streichen und Bodenverlegen und so weiter, und kurz bevor wir viel Geld aufgenommen hätten für eine Elektro-, Heizungs- und Fassadenrettung, habe ich dann verstanden, dass wir’s bleiben lassen müssen. Dass meine Mutter keine Veränderung aushält. Dass ich deswegen meine Mutter nicht aushalte.

Bettwäsche.

Damals war ich weg, sobald die Tinte auf meinem Abiturzeugnis knapp trocken war; nur raus da, aus dem Haus, aus der Familie, raus aus dem Dorf, weg, weg! Ich wäre gern einmal nützlich gewesen zuhause, durfte aber nie: Fass nichts an – sei aber nicht so faul, tu doch auch mal was – aber fass nichts an. Sobald ich dann weg war das Gejammer – niemand da, keiner kümmert sich. Ich kam oft, hier bin ich, ich fasse jetzt an, räume auf, kümmere mich, und immer hieß es dann, fass nichts an, das hat alles seine Ordnung hier, und sei nicht so überheblich, als wüsstest und könntest du alles besser, also ging ich wieder, und immer hieß es dann, warum lässt du uns im Stich und fasst nie mit an, alles muss man hier alleine machen, keiner kümmert sich. Es fängt immer wieder von vorne an.

Hemden, Hemden.

Ich hätte gern dieses eine Zuhause gehabt, ich wäre gern nie gegangen. Ich war ja nicht gegangen, weil ich anderswo hingewollt, sondern nur, weil ich dort weggewollt hatte, bevor mein Verstand sich selbstständig verabschiedet hätte, von mir.

Blusen.

Ich muss den Fernseher abschalten mit all diesen Menschen, die ihr Leben, ihre Vergangenheit, ihr Zuhause verlieren, während ich, ein zufriedenes Fossil, am Bügeltisch herumstehe und sie dabei begaffe. Ich hatte, finde ich, inzwischen zu viele Zuhäuser, aber ich hatte nie keins. Es geht mir so gut, unverschämt gut, jedes Gejammer verbietet sich, der Blitz soll mich treffen.

Blusen.

Ich kann Bügeln im Grunde nicht ausstehen, wissen Sie? Alle Hausarbeit ist ihrem Wesen nach repetitiv, sisyphosiv. Es fängt immer wieder von vorne an. Aber ich nehme allmählich durchaus die besänftigenden Qualitäten dieser Tätigkeit wahr, Tatsache.

Ärmel, Knopfleiste, Torso, Kragen. Ärmel, Knopfleiste, Torso, Kragen. Ärmel, Knopfleiste –

Es fängt immer wieder von vorne an.

Die Piraten-Bettwäsche. Wie neu, obwohl bestimmt schon drei Jahre alt. Nein. Sieben Jahre. Acht? Ich begreife nicht, dass das stimmen kann, aber das tut es. Ich muss mich setzen. Wo bin ich hier? Ich schaue aus dem Fenster und zähle auf, was ich sehe, in einem Ton, der unbewusst, zufällig das Vokabeln-Aufsagen aus der Schulzeit nachahmt (ich war immer absolut vokabelsicher; meine Diktion möchte mir dieses alte, kindliche Selbstzutrauen einflößen wie tröstlichen Kakao): Mittellandkanal, nicht Elbe-Seitenkanal, drei Pappeln, keine Kastanie, kein Walnussbaum, Kreisstraße, Weidefläche, keine Schallschutzmauer zum Stadtring, kein Schustergeschäft, (ich gebe jetzt einen Haufen Bettwäsche weg und denke nicht darüber nach, wie oft ich meine Spiegel und Bilder darin eingewickelt habe, damit sie beim Umzug nicht zerkratzen, und ich denke auch nicht darüber nach, worin ich beim nächsten Mal meine Spiegel und Bilder einwickeln werde, denn ich denke wie jedes Mal, dass das nun der letzte Umzug war, ganz sicher,) Blick nach Süden, nicht nach Nord-Ost, (ich habe die Dinge im Griff, ganz sicher,) nicht auf den Hof, auch nicht auf die Adolph-Schönfelder-Straße, (ich bin hier in Sicherheit,) auch nicht auf den Blücherplatz, auch nicht auf die Sauerweinstraße, auch nicht auf —

Wir haben doch 2022, richtig? 2022, ja. Wir haben Urlaub, die Ukraine hat Krieg. April. Ein Mittwoch. Lasst mich einfach bügeln.

Die Sturmorgel füttern

Meine Innereien rasten aus. In ihnen dreht, wälzt und rollt sich die Welt wie ein Knäuel Aale – dicke, fettig-schwere Biester. Mir kommt das Essen hoch von ihrem Gewühle.
Es ist schwer, den Aalen den Garaus zu machen, ich kenne das schon. Ich schreie viel herum und mache viel kaputt – es juckt sie nicht. Sie wühlen. Tag und Nacht. Sie werden dicker und fetter und schwerer, und wenn sie mit der vollen Wucht ihrer hungrigen, kraftstrotzenden Körper zappeln, knirscht es bedenklich im Gebälk meines Rumpfes, es reißt an meiner gespannten Bauchdecke – vielleicht kennen Sie das selbst, vielleicht auch nicht, na, jedenfalls: es muss aufhören.

Ein durchschnittlicher Ort wie dieser besitzt nicht die notwendige Härte, seine Luft ist zu mild, um mir die Aale auszutreiben. Ich muss ein Stück weiter rausfahren.
Etwa zehn Minuten über die Nachbardörfer und dann die entfernteren Dörfer, die keine Postkartendörfer sind. Einzelne Mietblöcke am Rande, viele Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften im Stil der 80er, im Kern einige Höfe, die verunstaltend zu reinem Wohnraum umgebaut wurden. Unstrittige Königin dieser Ländereien ist Helene Fischer; in jedem Hausflur ein Lebe-Liebe-Lache-Poster, in jedem Vorgarten Solarstecker in Herz- oder Schmetterlingsform. Wehe der Seele, die hier nichts zu suchen hat.
Noch ein Stück, bis die Wohngebiete abreißen und endlich die großen Flächen sich auftun.
Seit tausenden Jahren pflügen die Menschen nicht bloß Saatgut und Mist unter ihre Äcker, sondern genauso ihre Qualen. Nur im Erdboden oder im All ist genug Platz dafür. Das 20.Jahrhundert hat eine Menge Qualen hervorgebracht und darum auch die Raumfahrt und die Großflächen-Mono-Agrarkulturen.
Der Wind der kahlen Weite ist kalt, hart und frei. Nichts hält ihn ab. Er reißt an meinen Haaren. Mit den Strähnen, die er zu fassen kriegt, schlägt er mir fest ins Gesicht. Er reißt an meinen Ohren, er reißt an meinen Augen. Meinem Mund. Wenn ich ihn öffne, stürmen die Böen hinein und erzeugen ihre tosenden Töne, als riefe ich mit einer größeren Stimme als der eigenen. Die winterbissige Sturmorgel spielt auf meinen Atemwegen und Gehörgängen, sie pfeift durch meine Bekleidung, die keinen Schutz bietet, und sie langt tief in mich hinein, bis hinab zu den Aalen.

Und dann kann ich gehen. Nichts ist vernichteter als etwas, was man auf einem weiten, stürmischen Winteracker zurücklässt. Ich bin leer. Ich kriege Hunger.