Die Große Versuchung

Sie erinnern sich natürlich an Trumps „Grab’em by the pussy!“-Moment, nicht wahr? Mein Mann und ich saßen auf dem Sofa, schauten irgendein Abendmagazin, das diesen „Skandal“ durchkaute, und waren uns zum ersten Mal sicher: Jetzt gewinnt der Idiot wirklich diese Wahl! Jetzt hat er sie endgültig, die Stimmen der Gestrigen und Vorgestrigen, der apolitischen Stammtischbesucher, der heimlichen Machos und sozial-masochistischen Frauen, der genüsslich Inkorrekten, der Psychopathen; jetzt hat er die Mehrheit in der Tasche! Trump wurde schließlich nicht trotz seiner Schweinereien gewählt, sondern ihretwegen – genauso wie man hierzulande die AfD nicht trotz, sondern wegen ihrer Nazisprüche wählt, oder Putin nicht trotz, sondern wegen des Autoritarismus vergöttert, für den er steht. Damals, „Pussygate“ 2016, da sagte im Fernsehen einer, dies sei der Moment, der wirklich allen Amerikanerinnen und Amerikanern das wahre Gesicht Trumps und seiner Anhängerschaft vor Augen führe, man müsse angesichts dieser Vorgänge ja endgültig begreifen, wie untauglich und primitiv — usw.
Inzwischen haben wir’s 2021. Im Fernsehen sagt jemand, die „verstörenden Bilder“ vom Capitol Hill führten nun vielleicht doch noch allen Amerikanerinnen und Amerikanern das wahre Gesicht Trumps und seiner Anhängerschaft vor Augen, man müsse angesichts dieser Vorgänge ja endgültig begreifen, welche Gefahr für die Demokratie — usw.
Natürlich verstehe ich den Impuls, unter dem Eindruck solcher Ereignisse seiner unmittelbaren, auch persönlichen Erschütterung Ausdruck geben zu wollen, doch zusammengenommen wirkt es hochgiftig, wenn als Reaktion auf aggressive Akte immer und immer wieder die Rhetorik der Betroffenheit bemüht wird, ob in der Berichterstattung, in der Politik oder im Privaten. Indem man ständig nur seine Betroffenheit erklärt, erweist man sich als unheilbar passiv. Mit Betroffenheit bekehrt, erreicht, läutert man niemanden, erst recht nicht diejenigen, die einen für solche Betroffenheitsbekundungen belächeln und verachten. Man versichert sich seines eigenen moralischen Standpunkts – und sonst gar nichts. Man möchte sich ein wenig wehrhafter fühlen, indem man sich auf die Allgemeingültigkeit seines moralisch überlegenen Standpunkts beruft, möchte sich weniger allein fühlen, indem man eine stille, aber allgemeine Mehrheit für diesen Standpunkt unterstellt. Man möchte sich nicht angegriffen fühlen, sondern groß und stark natürlich, und so redet man eben die moralisch unterlegenen Aggressoren klein: Alle doof, ungebildet, primitiv, naiv, prekär, verwirrt, fehlgeleitet, filterblasenverblödet! Bildungsverlierer! Arme Irre!
Das ist reine Augenwischerei zur Selbstberuhigung. Leuten, die uneingeladen in den Parlamentssitz einer Demokratie hinein marschieren, um dort eine lustige House-Wrecking-Party zu feiern, braucht man nicht mit betroffenem (und eine Spur mitleidigem) „Denn sie wissen nicht, was sie tun“-Kopfschütteln zu begegnen, denn sie wissen sehr genau, was sie tun. Die Zeiten des festen Glaubens daran, dass die Menschheit sich quasi von Natur aus Demokratie wünsche, sind nicht bloß vorbei, sondern sie haben nie existiert, dieser Glaube war immer utopisch, hübsch-illusorisch. In unseren westlich-demokratischen Gesellschaften gab es ständig faschistische Stimmen, die mal mehr, mal weniger Gehör fanden, und jetzt gerade tönen sie mal wieder besonders laut. Warum? Sind die Hirne dieser Leute bedauernswert klein oder so formbar wie Butter? Haben wir es hier mit leidenden Seelen zu tun, deren Gewalt „nur ein stummer Schrei nach Liebe“ ist? Oder was wäre an dieser Stelle die Plattitüde Ihrer Wahl?
Niemand, der in Amerika für Trump marschiert, oder in Deutschland für die AfD, oder in Ungarn für Orban, etc., hat „den politischen Kompass verloren“ und sich von Demagogen „in die Irre leiten“ lassen – hören wir doch auf, Faschismus zu missverstehen als „Bildungsmangel“, „Orientierungsverlust“, „Politikverdrossenheit“! Hören wir auf, so etwas als Verblendung oder Blödigkeit abzutun, es sind Entscheidungen! Wir haben es nicht mit bedauerlich unmündigen Gehirnwäsche-Opfern zu tun, die gewissermaßen ohne Schuld in eine Art Wahn hinein geraten sind, aus dem sie nur noch mittels Aufklärung durch die „Bessergebildeten“ errettet werden könnten, sondern es geht hier um Erwachsene aus allen Gesellschaftsschichten, die sich aus Überzeugung dafür entschieden haben, rechte bis rechtsradikale Positionen einzunehmen. Hören wir auf, es jedes Mal wie böse Magie zu bestaunen, wenn die Rechten an Energie zugewinnen – denken wir lieber schleunigst darüber nach, wie es um unsere eigenen Energien bestellt ist: Warum sitzen hier eigentlich vier AfD-Männer im Stadtrat, aber ich nicht? Warum ärgere ich mich über die Erfolge rechter Publizisten, leiste es mir selbst aber bloß eingeschränkt, für seriösen Publizismus zu bezahlen? Wie lange ist es her, dass ich das Internet den Rechten überlassen habe, weil ich es irgendwann müde war, jeden dämlichen Facebook-Troll mit Auschwitz-Faible zu melden?
Die große Versuchung, der breite Gesellschaftsteile erliegen, besteht in der Idee, das Thema Rechtsradikalismus ließe sich heutzutage irgendwie smarter, bequemer verhandeln als früher. Rechte pauschal und am besten internet-anonym belehren zu wollen, ist eine beliebte Praxis. Und völlig ineffektiv. „Mit Rechten reden“ ist längst ins Fach der unwürdigen und falschen Methoden entsorgt worden, weil es dummerweise keinen Spaß macht und nie zu Bekehrungserfolgen führt – dass dieses „mit Rechten reden“ aber nicht, wie so gerne in Talkshows, freundlich erfolgen muss, und dass allein schon jede Sichtbarmachung von Wiederspruch wichtig wäre, unterschlagen wir lieber. Alle Fehler- oder Stimmungsanalysen zu unserem Umgang mit den Rechten, auch diese hier, sind nett gemeint, aber wirkungslos. Will man reell etwas tun, muss man in den sauren Apfel beißen und sich tatsächlich, also persönlich, zwischenmenschlich, analog, mit seinen Mitmenschen beschäftigen – und auch diejenigen unterstützen, die das täglich tun und dafür fleißig Anfeindungen sammeln.
Die große Versuchung der Rechten heißt indessen Gewalt. Wer seine Hemmschwellen über Bord wirft, fröhlich und frei drauflos kloppt oder gar mordet, der wird gefürchtet, mit dem legt sich bald keiner mehr an, der hat’s geschafft! Auf jedem Schulhof, an den ich mich erinnern kann, gab’s so Schmalspur-Herrenmenschen, die qua Gewaltbereitschaft das Sagen hatten – der selbe Mechanismus (nur auf einem sehr viel größeren Schulhof, versteht sich) sorgt dafür, dass sich keiner einfach so mit der Mafia anlegt. Usw. Bock auf Gewaltausübung – da unterscheiden sich die Menschen. Ich habe mich durchaus mal geprügelt, notgedrungen, aber ich tauge einfach nicht zur Gewaltanwenderin, ich konnte nie jemandem aus Spaß wehtun, ich konnte nie gezielt wehtun, ich konnte nie anstiften zum Wehtun, ich konnte auch nie durch Demütigung wehtun. Ich habe tatsächlich Angst vor Leuten, die das können. Sich im Supermarkt oder in der Straßenbahn einzuschalten, wenn sich jemand nicht benehmen kann, das ist leicht. Handgreiflichkeiten – meinetwegen. Aber einen Trupp Provinzfaschos gegen sich aufzubringen, der einen beim nächsten Mal, wenn man einsam joggen geht, mal eben einsacken und in den Rollstuhl prügeln kann – ?
Man überschätzt so gern die Dummheit dieser Leute. Und man unterschätzt so sträflich ihren Erfolgsfaktor: ihre simple, entschiedene Gewaltlust.

Mitternachtsstall

Wieder der Paketbote, denke ich, als es an der Tür klingelt. Im Flur stapeln sich die Sendungen, die ich für die abwesende Nachbarschaft angenommen habe; täglich kommen weitere Kartons dazu. Ich bin ja nicht arbeiten, das wissen alle. Ich bin ja zuhause.
Ich bin schon ewig zuhause.
Dabei fühle ich mich, je länger ich zuhause bin, immer weniger zuhause in diesem Zuhaus, ich meine: Ich fühle mich nicht wohl beim Zuhausesein, nicht zuhause im Nichtarbeiten.
Ohnehin habe ich mich mit diesem Zuhause von Anfang an schwer getan. Dabei fing es gut für mich an, gut für uns an, als wir gerade frisch hierher gekommen waren, alles war auf einen Schlag so viel bequemer, kompletter, solider als zuvor. Vernünftigerweise sollten wir also sehr zufrieden sein – sehr zuhause.
Ich kann nicht einmal erklären, warum wir es nicht sind. Dieses Zuhause ist unbeirrbar neubauneu, weiß, glatt, es lässt uns einfach von sich abperlen, nichts von uns nimmt es in sich auf. Ich habe es mit Farbe, Möbeln, Pflanzen, Kerzen und Küchengerüchen versucht, anderthalb Jahre lang – es ändert alles nichts am Charakter dieses Zuhauses. Offenbar war es umgekehrt gedacht, d.h. solche Zuhause sollen den Charakter ihrer Bewohner verändern. Ein architektonischer Trick. Ein wirksamer.

Wieder der Paketbote, denke ich, als es an der Tür klingelt, aber diesmal ist es eine Nachbarin, die nach einem der Kartons im Flur fragt. Man ist höflich und sympathisch, ich bin höflich und sympathisch, wir sind hier alle so höflich, sympathisch, so neubaunett. Wir perlen prima voneinander ab.
Es ist die erste Wohnung, in der ich Lust bekomme, das Rauchen wieder anzufangen, aber nein. Stattdessen mache ich mich im Garten dreckig. So dreckig, wie man sich auf 10qm Grünfläche halt machen kann. Vom Esstisch aus schaue ich durch die Glasfront mit Terrassentür auf meine Grünfläche hinaus wie auf eine unbewegte Bildfläche, die Pflanzen stehen stramm vor ihrem knallweißen Hintergrund, der Nachbarhauswand; ziehen mal der Wind oder ein Trupp von Kohlmeisen durch den Garten, erschrecke ich über diese plötzliche Bewegtheit. Ich gehe viel an die Luft, in die Feldmark, sammle Federn, Steine, Samenkapseln, all das erinnert mich beruhigend an das Dorf, wo ich herkomme. Ein mentaler Trick, aber ein wirksamer.

Wieder der Paketbote, denke ich, als es an der Tür klingelt, dabei ist es mittlerweile tief in der Nacht. Angesichts der Paketmengen, die zur Zeit bewegt werden (oft steht abends um zehn oder sonntags früh ein Zusteller an meiner Tür), wundert mich allerdings nichts mehr. Zudem besteht immerhin die Chance, dass es sich um einen Notfall handeln könnte, Polizei, Feuerwehr, was weiß ich: Dachstuhl brennt, also erhebe ich mich mal lieber vom Bett und gehe öffnen.
An der Tür, im lieblosen Bewegungsmelderlicht, ein Mann mittleren Alters, schlaksig, in Gummistiefeln und Drillichjacke. Wo er hier denn bitteschön abladen kann, blökt er. Aus der Dunkelheit hinter ihm schält sich ein Viehtransporter, dessen LKW-Reifen sich so gründlich in das Vorgärtchen hineingearbeitet haben wie ein zweibalkiger Flügelschargrubber. Für welche Nachbarn denn, bitteschön?, frage ich.
Nee nee, sagt er, für Sie!
Womöglich ist mir diese Mischung von Getrappel, Schnauben, Brüllen und dem Geruch nach Stroh und warmem Tier einfach so schlafwandlerisch vertraut, dass ich es, zumal im wehrlos-müden Zustand, ganz automatisch verpennt habe, an dieser Stelle mein Widerrufsrecht als Verbraucherin geltend zu machen. Sicher ist alldieweil, dass ich mir schleunigst etwas einfallen lassen muss, denn in meinem Wohnzimmer stehen jetzt, in einem aus gekippten Stühlen, Tischen, einer Trittleiter und einigen Autospanngurten schnell gebastelten Behilfsgatter, zwei Färsen und ein Jungbulle.
Aber was mache ich denn mit denen?, habe ich den Lieferanten großäugig gefragt. Das wisse er doch nicht, er liefere bloß ab, ich hätte schließlich bestellt. Oder hat er gesagt, ich hätte geerbt? Jedenfalls, bis hierhin sei er verantwortlich gewesen, und ab hier sei ich eben verantwortlich, meine Eigentümerschaft sei ja unstrittig und somit habe ich mich selbstverständlich zu kümmern. Das wäre ja wohl noch schöner. Er fahre nicht zum Spaß die Viecher durch die Gegend und es sei inzwischen auch wirklich spät genug und das hier seine letzte Station für heute, hier die Papiere, bitte sehr, na, auf Wiedersehen.
Im Wohnzimmer ist der Raumgeruch sofort ins Agrarische gekippt. Was mache ich denn mit denen, denke ich pausenlos, wieder- und wiederkäuend, während ich das in Unruhe gebrachte Vieh fürs Erste mit Möhren und Streicheleinheiten dazu zu überreden versuche, sich zu entspannen. Was mache ich denn, wenn mein Mann und mein Kind aufwachen, ins Wohnzimmer tapern, noch schlafköpfig, und dann das hier – was soll ich da sagen? Die Tiere drängen sich aneinander, drücken und schieben ihre Masse in einer unrunden Strudelbewegung, die gegen den Uhrzeigersinn verläuft, voran. In den mickrigen Garten kann ich sie nicht treiben, was sollen die Nachbarn denken! Darf doch keiner merken! Und die Vermieterin erst – keine Haustiere, so steht’s im Mietvertrag und da ist sie empfindlich! Ebenso genau nimmt sie’s mit ihrem guten Laminatboden, der gerade unter wuchtigen Tritten zerdrückt wird. Auch die Flurfliesen haben gelitten, wie ich sehe. Die tief hängende Pendellampe im Wohnzimmer beleuchtet mit ihrem buttergelben Schein eine Szenerie, die gleichermaßen an Stallidylle wie an Barrikadenkampf denken lässt; jedes Mal, wenn sie, von Kuhschädeln angerempelt, ins Zittern oder Schaukeln gerät, erweitert das die Atmosphäre um apokalyptisches Feuerflackern. Zu dem Klacken und Knirschen und den grollenden Rufen kommt ein Platschen hinzu, und schon breitet sich ein schäumender, warm dampfender Teich aus.
Heiliger Strohsack.
Die Jungkühe, eine schwarz- und eine braunscheckig, scheuen zwar vor mir zurück und fühlen sich sichtbar unwohl in diesem unvertrauten Raum, pendeln sich nach und nach aber doch auf gemäßigtem Stimmungsniveau ein. Größere Sorgen macht mir der Jungbulle. Ein salzweißer, schwarzäugiger Wildfang. Genau so einen hatte (als ich Kind war) unser Nachbar, der einen Milchviehbetrieb mit Zucht unterhielt; dieser weiße Bulle ging schon als Kälbchen gegen den Strich, büxte von der Weide aus und verheerte den Pachtacker meiner Großeltern, randalierte in der Box. So einer, denke ich, und behalte den Weißen mit zunehmendem Rumoren in meiner Magengegend im Auge.
So einer bist du.
Natürlich liebe ich Kühe, wer tut das denn nicht, aber ich weiß sehr gut, dass Zuneigung kein Argument ist für einen sorglosen Umgang mit jedwedem Tier einer solchen Gewichtsklasse. Wenn man über eine Kuhweide abkürzt und die Herde am anderen Ende des Grüns das spitzkriegt, sich in Trab setzt, mit ihrer ganzen Masse und ganzen Neugier auf einen zupoltert, dann sollte man zusehen, dass man sich in Sicherheit bringt. Sie sind friedsam und liebenswert und können richtig bös zutreten.
Was mache ich denn mit denen, was mache ich denn mit denen, was mache ich –
Mit einem Schlenker ihrer Hüfte hat die Braungescheckte die Trittleiter umgerissen. Es hallt wie Donnerschlag. Alle verheddern sie sich mit den Fersen im Gurtsalat, eine Stuhllehne splittert. Da röhrt er los, der Weiße. Hat die Faxen dicke und keilt gegen die Färsen aus, wie gestochen. Die reißen die Augen auf, weiten ihre Nüstern, es kommt eine wilde Dynamik in den verknäuelten Trupp, es fliegen die Klauen, und die schweren Köpfe schlagen blindlings um sich.
Eine meiner Urgroßtanten, erzählten meine Großtanten, bekam beim Melken mal einen Tritt verpasst, von einer mageren Klapperkuh nur, und doch war sie sofort hin, die Urgroßtante.
Der Weiße tänzelt sich aus dem Gerümpel heraus, trampelt im Raum herum, den Kopf gefährlich gesenkt, er reißt Luft in seine Lungen hinein und nimmt ordentlich an Fahrt auf.
Mein Nachbar, der Milchviehwirt, starb damals in der Box seines Zuchtbullen, wissen Sie? Er hätte da nicht hineingehen dürfen, nein, aber mitunter macht man eben Dinge, die man nicht unbedingt dürfte, denn sie erscheinen einem mitunter eben nicht unbedingt gefährlich. Weiß nicht, was er da machte. Und auch nicht, ob der Bulle wohl wild wurde und austrat, oder ob er sich bloß unglücklich herumdrehte, sich bloß gegen die Wand lehnte, sich hinlegte – unser Brustkorb ist einer Last von zehn, elf Doppelzentnern nicht gewachsen.
Schon der Hälfte davon nicht. Ich drücke mich an den Rand, klebe an der Glasfront des Zimmers, an den großen Scheiben der Doppeltür zur Terrasse. Der Kopf des Bullen zielt nun auf mich. Die Färsen brüllen heiser und rau, ihre Tritte zerdellen die Trockenbauwände.
Doch er hält still, der Bulle, kommt nicht weiter auf mich zu. Er blickt wie durch mich hindurch, zu den Scheiben. Dreifachverglasung, UV- und schallisolierend – von meiner Vermieterin bekam ich, zum Mietvertrag dazu, eine gesonderte Pflegeanleitung für die Glasflächen, da ist sie penibel.
Weil noch immer nichts passiert, traue ich mich, den Weißen einen Moment lang einfach anzustarren. So einer bist du, verstehe ich plötzlich. Als ich mich seitwärts verdrücke, stemmt er sich endlich in den Anlauf, gräbt die Klauen in den geschundenen Boden, ich hechte hinters Sofa, und da kracht er gegen die Verglasung, dass der ganze Raum wie eine Glocke dröhnt. Und dann kracht es ein zweites Mal. Wie drei-Seelen-dickes, berstendes Eis.
(Ein Traum ist ja bloß ein Trick, um uns in höchstgradiger allegorischer Deutlichkeit etwas zu verklickern, was wir eh schon wussten. Aber ein wirksamer.)

Was man gegen Wirren tun kann – eine Handlungsanweisung

Die Angst vor Wirren ist eine recht verbreitete. Verständlich; jeder Mensch ist ihnen auf die eine oder andere Weise ausgesetzt. Ihr Verheerungspotenzial ist vielschichtig, es ist schwer berechenbar, kann sich aktiv oder passiv entfalten. Wirren sind überall, und wir hängen immer irgendwie mit drin!
Um sich dennoch gut gegen Wirren schützen zu können, gilt es, die folgenden Schritte sorgfältig und gewissenhaft durchzuführen:
Zunächst ist es notwendig, sich ein Gewand (Pyjama) aus getrockneten Lavendelblättern anzufertigen; als Bindestoff verwenden Sie hierfür bitte Spinnenseide.
Für die optimale Anti-Wirren-Belichtung Ihres Gehirns benötigen Sie überdies Strandglas oder durchscheinende Flusskiesel. Wichtig ist, dass Ihre Sicht gedämmt wird, aber zugleich Ihre Lichtaufnahme gewährleistet ist. Suchen Sie an Küste, Bachlauf oder Flussufer nach möglichst flachen, ergonomisch anschmiegsamen, mattgeschliffenen Glas- oder Quarzplättchen. Wer weiß, mit etwas Glück finden Sie sogar ein Stück Bernstein oder einen von Gletschern gewälzten Kristall? Zweck ist, sich dieses Fundstück vor das Gesicht zu halten, sodass Ihre Augen in wattig-sanftem, idealerweise bunt gefärbtem Licht schwimmen, dem man anmerkt, dass die entsprechende Linse über Jahre hinweg (je nach Objekt reden wir hier mitunter von Äonen) von den Elementen rundgelutscht wurde.
Zuvor jedoch – verzeihen Sie, wenn dieser Einschub Ihrem Gefühl nach vielleicht etwas zu spät erfolgt – ist es natürlich unabdingbar, dass Sie sich ca. auf die Größe einer Rötelmaus (≈ Blaumeise, Moorfrosch, Kiefernzapfen) herunterschrumpfen. Nur so können Sie die optimalen Wirren-Schutzräume, die nun einmal von kleinformatiger Natur sind, nutzen!
Haben Sie Ihre Schrumpfung absolviert, können Sie es sich nun im Eulenloch eines Scheunengiebels bequem machen, oder im lehmigen Bau einer Rauchschwalbensippe, gerne auch in einem gekippten Blumentopf, oder einem lauschigen, verlassenen Hornissennest, im blinden Auge eines kaputten Mopedscheinwerfers, oder unter der kathedralischen Kuppel einer stillgelegten Alarmsirene, oder in einer am Ast eines alten Pflaumenbaums sachte hin- und herschwingenden Gartenlaterne, oder – Nun, Sie werden ganz sicher Ihre persönliche Nische finden!
Falls vorhanden, bietet es sich durchaus an, den Kopf mit einer abgelegten Eierschale zu bedecken, wodurch sich der akustische Widerhall des Blutrauschens in ihren Ohrmuscheln verstärkt und sich Ihr Geborgenheitsgefühl erhöht; zudem kann es Ihrer Tarnung als Mini-Anhäufung von passiven Naturgegenständen nur dienlich sein.
Abschließend einen Klacks weichgeknetetes Bienenwachs auf Brust und Hals wickvaporubben, und einer gelungenen Ent-Wirrung steht nun nichts mehr im Wege!
Lassen Sie ab jetzt Ihr Umfeld, Ihre Sinneseindrücke für mindestens 25 Minuten bei ca. 19°C auf sich einwirken. Stellen Sie sich meine Stimme vor – es ist die Stimme einer Radio-Nachrichtensprecherin bzw. eines Sprechers von Naturdokumentationen bzw. eine Navigationssystem-Stimme Ihrer Wahl:
All die Wirren
dieser Welt
können
Ihnen
rein
gar
n
i
c
h
t
s
!

Hemden bügeln im Angesicht der Entropie // 14.10.2020

Es ist Mittwoch. Lasst mich einfach bügeln.
Der Himmel da draußen sieht aus wie mit Asche verrührt. Es ist regnerisch, die helleren Tage haben sich offenbar bis auf weiteres verabschiedet.
Im Hochsommer die Sorge um den Kreislauf, im trüben Herbst dann die Sorge ums Gemüt, so geht das immer.
Direkt überm Hausdach verläuft die Flugroute der Kraniche, die in ihre Überwinterungsgebiete ziehen – seit heute Morgen trompetet es von oben auf mich herunter, das dringt selbst durch geschlossene Fenster. Es sind große Flugformationen, mitunter 60, 70 Tiere in einem Zug.
Ihre metallischen Schreie. Ich liebe das sehr – auf Wiedersehen!
Hemden, Hosen, T-Shirts, Pullis, Decken, irgendwas; ein Haufen Knitterzeug.
Keine Ahnung, wo ich sein werde, wenn die Kraniche dann zurückkehren, nächstes Frühjahr.
Ich hasse es zu bügeln, aber an trüben Tagen, den Kopf voll Asche, hält es mich gut zusammen, hat es durchaus etwas Tröstliches, muss ich zugeben.
Schhhhhh macht die Geschirrspülmaschine, und Schhhhhhhhhhschhhhh macht das Bügeleisen.
„Doku Dunkle Materie“ – ich lasse den erstbesten Treffer dazu nebenher laufen.
Stoffhosen, T-Shirts, T-Shirts.
„Doku Quantenphysik“ – da suche ich nun eine bestimmte, und finde sie auch. Ja.
Dünne Pullover. Pullover.
Ich beneide Großbritannien aktuell wenig, aber wissen Sie was: Das ZDF, tja, das ZDF hat Harald Lesch – die BBC, die hat Jim Al-Khalili. Die BBC hat außerdem Hannah Fry, eine wunderbare Mathematikerin, und sie hat (einen Tusch, bitte) Sir David Attenborough, sowieso. Ich hätte, davon abgesehen, ja auch nichts gegen Jean Pütz oder Bob Ross, von mir aus, gut, gut. Aber an ernsthaft stumpfen Aschetagen, da geht eben nichts über, da ist absolut Verlass auf Jim Al-Khalili.
Pullover.
Jim Al-Khalili präsentiert seit Jahren (im populärwissenschaftlichen Leben) Bücher und Fernsehformate zu Physik, Mathematik, Biologie und allem dazwischen und ist (im aktiven wissenschaftlichen Leben) Physik-Professor an der Universität Surrey mit den Forschungsschwerpunkten Nuklearphysik und Quantenbiologie. Er wirkt zugänglich und uneitel, neigt in seinen Sendungen nicht zu dominantem Auftrumpfen; eher der filigrane Typ mit Begeisterungsaugen.
Ei-ne ziem-lich lan-ge Tisch-de-cke.
Ich liebe Naturwissenschaften, wirklich. Meine früheren Lehrer drehen sich an dieser Stelle lachend im Grabe um, klar, aber dass ich die schlechteste Schülerin in Physik, Chemie und Mathematik (Bio war zufriedenstellend) in ihrer gesamten Laufbahn war, ändert rein gar nichts daran, dass ich diese Gebiete von ganzem Herzen faszinierend finde. In der Schule machten sie mir eben Arbeit, das war damals eines meiner größeren Probleme mit ihnen. Reell ausschlaggebend für meine, sozusagen, Impotenz gegenüber den Naturwissenschaften, war aber: Sie machten mir Angst.
Noch ein Pullover.
Eine Heidenangst!
Hemden – Knopfleisten, Ärmel, Vorder- und Rückseiten.
Ich meine, Sprachen und Gesellschaftszeug, das konnte ich mir ja notfalls alles allein beibringen. Die Naturwissenschaften hingegen waren die einzigen Schulfächer, die mir das Gefühl gaben, ich sei in der Schule, um etwas zu LERNEN. Bei den Naturwissenschaften war ich darauf angewiesen, dass es mir, bitte, jemand erkläre, allein wäre ich diesen Fächern gegenüber absolut hilflos gewesen, und ehrlich gesagt war selbst mithilfe meiner Lehrer an dieser Hilflosigkeit schwerlich zu rütteln. (Ich muss sagen, meine Lehrer rüttelten auch mit ziemlich magerer Motivation daran, aber ich verstehe schon, weshalb man sich angesichts solcher SchülerInnen wie mir lieber nuschelnd mit dem Kreidestück in seiner Hand unterhält, ist schon in Ordnung.)
In den Naturwissenschaften ging es tatsächlich um was: um die harten Materialitäten des Lebens. Des Lebens AN SICH. Um die REALITÄTEN.
Hemden, Hemden, Hemden.
Ich verstehe bis heute nicht, wie es Leute geben kann, denen die Gegenstände der Naturwissenschaften, diese existenziellen, rohen, basalen Wahrheiten, KEINE Heidenangst einjagen. Entsprechenderweise verstehe ich genauso wenig, wie es überhaupt Leute geben kann, die Naturwissenschaften für LANGWEILIG halten.
Hemdkragen, Ärmel.
Zu schreiben fällt mir nun einmal leichter. Mir Geschriebenes zu erschließen fällt mir leichter. Jeglicher Umgang mit Text fällt mir leichter als der Umgang mit Zahlen, Variablen, Gleichungen, Formeln usw. Dabei ist das eine dem anderen im Grunde sehr funktionsähnlich. Im Schreiben verdichtet man Inhalte, man bringt sie durch Buchstaben, Punkte, Striche in eine komprimierte Form, im Schreiben erfasst und definiert man gewisse Größen, Volumina, Auswirkungen, Wurzeln, Produkte usw. – und eine Gleichung wie E=hf tut, auf ihre Art, dasselbe: Sie macht die Welt handhabbarer. Das eine wie das andere hilft uns, die Dinge zu verDICHTEN, sodass wir sie verarbeiten können.
Glattstreichen, auf den Bügel hängen.
Wann haben Sie zuletzt bei einer Doku das Heulen gekriegt? Ich bin da bekennende Heulerin, müssen Sie wissen. Meine Doku-Stunden sind sozusagen mein geschütztes Reservat fürs Heulen; ich heule angesichts von Knochenschmuck und Kernfusion, von Vogelzug und Gletscherschmelze und überhaupt – die Welt ist so vielseitig dramatisch und im ernsten Sinne rührend.
Warum ist denn jetzt in dem Shirt hier ein Loch?
Ich heule heute, als handschriftliche Notizen Alan Turings, komplexer als das grüne Zahlenrauschen aus „Matrix“, plötzlich den ganzen Bildschirm füllen – Versuche, die Entstehung biologischer Muster logisch zu erklären. Eine solche Sehnsucht nach Begreifen, nach Verarbeitung.
Kleine T-Shirts.
Da, wo die Schulphysik, Schulmathematik gar nicht hinkommen, eröffnen sich Bereiche, die früher der Religion vorbehalten waren: Vieldimensionalität, Quantenphysik, Stringtheorie – da hört selbst für NobelpreisträgerInnen die Handhabbarkeit auf, d.h. man kann zwar hervorragend damit arbeiten, aber eben ohne zu begreifen, womit genau man hier arbeitet und weshalb genau es funktioniert, d.h. man muss staunen. Es gibt also Wunder.
Fertig. Nächste Maschine.
Irgendwo in den Eingeweiden der Mathematik-Physik-Chemie versteckt sich eine genaue Erklärung dafür, wie Vögel es GENAU anstellen, sich auf ihren Migrationszügen am Magnetfeld der Erde zu orientieren – das europäische Rotkehlchen ist in dieser Hinsicht ein ergiebiger Versuchspartner für Quantenbiologen. Ich glaube sicher, dass es dort ebenso eine Formel zu finden geben muss, die eine genaue Erklärung dafür liefert, wie ich hier gelandet bin, und wo GENAU ich sein werde, wenn die Kraniche zurückkommen, im nächsten Frühjahr, und warum. Einen schlicht-eleganten, zwingenden Lehrsatz – einen, der funktioniert, ob ich ihn nun je begreife oder nicht.
Das ist doch spannend!
Und abgrundtief furchteinflößend!
Ich schalte um. „Doku Lebensmittel“.
Es ist Mittwoch, lasst mich einfach bügeln.

Das Glück des Flüchtigen

Vor der Haustür wächst eine Stadt. Aus Sandkegeln. Die Ameisen türmen, zwischen Pflastersteinen hindurch, unbeirrbar ihre pyramidischen Abraumhalden auf. Jeden Tag wächst die Stadt. Jeden Abend fege ich die Kegel zusammen und gieße eine Schaufel voll Sand und Ameisen überm Feldsteinwall aus, wo alles in winzigen Kluften versickert und es die Spinnen aus ihren Höhlen treibt. Der Boden hier ist sandig; was die Ameisen zu Tage fördern, ist so feinkörnig und hell wie vom Strand.

Ich denke oft an diesen unterirdischen Strand. Ich stelle mir manchmal vor, wie ein großer Besen unser Stadtrandviertel beiseite fegt, um damit den Strand aufzuräumen, wieder hübsch zu machen, und wie dann auch das Urzeit-Meer, das in diesem Boden Salz und versteinerte Muschelbänke hinterließ, und dessen Bewohner zurückkehren.

Stadtrandviertel sind die Krone der rund zehntausendjährigen Sesshaftigkeit des Menschen und zeichnen sich besonders durch ihre Geräuschlosigkeit aus. Mal ein bisschen Kindertoben, nachmittags. Irgendwo kläfft ein kleiner weißer Terrier. Ein Auto. Stille.

Einige der Nachbarn haben sich Corona-Hunde zugelegt. Ich hab gar nichts gegen Hunde. Ich bin selbst mit Hunden, Katzen aufgewachsen und daher nicht sicher, woher genau eigentlich meine Abneigung gegen das Konzept Haustier rührt.

In der Waschmaschine plumpert die Weißwäsche. Die Geschirrspülmaschine macht Schhhhhhh.

Auch vor der Terrassentür wächst eine Stadt. Inzwischen fege ich mittags und abends die Abraum-Türmchen der Ameisen zusammen. Zwei Schaufeln Sand, täglich. Ich mag trotzdem nicht gegen sie giften. Und es wäre ja zwecklos, sie beherrschen ohnehin sämtliche Gartenflächen, vor der Haustür, hinter der Terrasse – wo ich auch grabe, es fließen schwarze Ströme.

Die Hunde ziehen zweimal täglich ihre Menschen um den Block. Es sind hochgradig domestizierte Wesen.

Ich gehe gern spazieren, lang und weit, in Feld, Wald und Flur, Wildtiere beobachten. Ich finde unterwegs eine Menge Dinge, die ich mit nach Hause nehme. Auch schon einen sehr hübschen, fossilen Seeigel – sehr dunkel, sehr rund, sehr schwer und greifbar in der Hand.

Kennen Sie das, wenn das Denken immer so ein bisschen ausrutscht? Weil das Hirn keinen Grip mehr findet? Weil die Straßen, Hauswände, Supermarktgänge, Internetseiten, die hochglanzlackierte Küchenfront (weiß), alles, was Sie jeden Tag anschauen, so enorm glatt sind?

Mein Mann hat sich ein neues Fahrrad, ein Corona-Fahrrad zugelegt. Jeden zweiten, manchmal dritten Tag eine große Runde nach der Arbeit. Eine hochgradig domestizierte Form von Flucht.

Letztens klingelte eine Nachbarin bei mir. Mein Garten endet an ihrer Hauswand (weiß). Ob ich bitte mein Bäumchen im Garten zurückschneiden könne? Die Zweige, die könnten eventuell ihre Hauswand zerkratzen, müsse ich wissen!

Kennen Sie das, wenn das Denken spontan Blasen schlägt? Weil sich vereinzelte Dinge darin, irgendwo weit unten, plötzlich emotional aufblähen, Auftrieb bekommen, an die Oberfläche emporsprudeln? Und Sie wissen gar nicht, woher auf einmal dieses brachiale Brausen, und auch nicht so recht, wohin damit jetzt?

Ich habe vor ein paar Tagen das ganze Bäumchen aus dem Boden gebuddelt, gehebelt, gerissen, mit Stumpf und Stiel. Meine hochgradig domestizierte Art, mit diesem Brausen irgendwie umzugehen. Die schwarzen Ameisen in der Grube flossen mir unaufhörlich in Handschuhe und Schuhe.

Ihre Türmchen lasse ich seit ein paar Tagen stehen.

Ich hätte auch das Bäumchen stehen lassen und einfach, wie immer, die Zweige etwas zurückschneiden sollen. Weiden brauchen regelmäßigen Rückschnitt, da geht es nicht bloß um die Form. Irgendwann zeigt sich sonst der aggressive Skelettierfraß der Blattwespen, oder dieser orangefarbene Rostpilz hat von heute auf morgen das halbe Bäumchen überzogen, oder es ist plötzlich voll Mehltau. Usw. Nach dem Schnitt treibt eine Weide ohne zu meckern wieder aus, fängt einfach von vorn an, bis zur nächsten Krankheit, ja, unbeirrbar, ich hätte fast Lust zu sagen: schön blöd.

Kennen Sie das, wenn man sich spontan wünscht, es käme ein großer Besen daher und fegte alles, alles kurz und klein und weg?

Ich hätte nach so vielen Umzügen nun keine Lust mehr, schon wieder umzuziehen. Aber. Was kostet mehr Energie: so ein langwieriges, irgendwie kränkliches Ankommen – oder doch der nächste Neuanfang?

Ist häufiges Neuanfangen bloß eine beliebige Form von Flucht aus einem großen Angebot von hochgradig domestizierten Fluchtformen?

Was ist eigentlich die höchstgradig domestizierte Form von Stabilität? Lebenslange Ortstreue? Oder eher flexible Sesshaftigkeit? Zufriedenheitsorientierung? Anpassungsfähigkeit? Eine alles verdauende Resilienz? Vielleicht die Technik, das eigene Hirn endlos auf der Stelle ausrutschen lassen zu können, während man anderen beim Leben zuschaut?

Auf dem gepflasterten Vorplatz haben sich an manchen Stellen leichte, kaum merkliche Senken gebildet. Kein Wunder. Täglich diese Mengen von feinem, weißem Sand – von unterhalb des Pflasters emporgeschoben, von so winzigen Tierchen. Hinterm Haus setzt sich das unbeirrbar fort. Mir fällt etwas ein. Die Häuserreihe ist nicht unterkellert. Vielleicht sind es nicht einzelne, sondern ist es eine große, sich in alle Richtungen fortsetzende Ameisenstadt – unterm Haus? Ich habe eben die Geschirrspüle ausgeräumt, mache nun die Wäsche und denke: Wieviel Aushub transportieren die Ameisen in einem Jahr, und in fünf? Wie lange wird sich mein Sensorium für Schieflagen täglich neu austarieren wollen?

1996 vs. 2020

 

Sum quod eram,
nec eram quod sum.
– Bischof Sigward von Minden

Ganz früher soll das als Portalinschrift an der Sigwardskirche in Idensen, der Haus- und Grabkirche des Bischofs, zu lesen gewesen sein. Dabei konnten die Leute ja kein Latein.
Anders früher landete ich dort oft, wenn ich bei meinen Stromertouren durch die Feldmark mal eine Pause oder ein trockenes Plätzchen brauchte – die Kirche stand meist einfach offen. Etwa zu dieser Zeit lernte ich dann auch Latein.
Ich war nun letztes Wochenende dort, seit Längerem mal wieder. Nicht zum Gottesdienst, bloß so. Mein Latein ist mittlerweile sehr heruntergekommen. Mein Verstehen ist allerdings besser geworden.

Ich bin, was ich war,
aber ich war nicht, was ich bin.


Foto links: mit 14, im Lieblingspulli und mit unbeholfener Zigarette (Foto K.Grobmann)
Foto rechts: zwei Stühle in der Sigwardskirche, auf denen ich mit mir selbst nebeneinander sitzen könnte (Foto S.Grebe)

 

Vermissmeinnicht

Lasst mich in Ruhe.
Ich kenne keine Langeweile, ich habe keine Angst und bin keinen Existenzbedrohungen ausgesetzt.
Klar ist das Vermissen zur Zeit eine Krankheit, wir vermissen Oma, Freunde, Orte, und wir vermissen diese Dinge sehr. Das meiste aber vermissen wir kein bisschen.
Ich war schon immer gut im Verschwindegehen. Viel zu gut. Es kommt mir viel zu sehr entgegen, dass es gerade geboten ist, in die Unsichtbarkeit zu verschwinden. Ich fühle mich wohl in Alleinland, ich finde mich dort so gut zurecht, dass ich schon jetzt kaum weiß, wie ich später, irgendwann, einmal wieder zurückfinden soll.
Und wozu.
Wir stehen jeden Tag um dieselbe Zeit auf, früh morgens, trinken Kaffee. Nach dem Frühstück geht es für das Kind und mich in den Wald, in die Feldmark oder an den Kanal, zwei, drei Stunden lang, wir stromern, sammeln, klettern, balancieren, finden Sachen, beobachten. Danach Mathe, Deutsch und was sonst noch lernenswert ist – wir üben bis in den Nachmittag. Später wird gebastelt, gemalt, gekocht. Wir schlafen gut.
Niemand, der was von uns will.
Ich kaufe einmal pro Woche ein und betrete dabei ein, höchstens zwei Läden, Supermärkte, immer dieselben. Außer Lebensmitteln und, vereinzelt, Büchern kaufe ich nichts, und kein Mangel tut mir weh.
Was war noch dieser Standard-Alltag? Ich hab so vieles bereitwillig vergessen.
Dann kommt diese Mail von der Schule. Schule! Herrje, da war doch was, ja, da war ein Gebäude, andere Kinder, ein Ranzen und…

Lieber schweigen

„Satz“ habe ich auf meinen Einkaufszettel geschrieben, hinter „Eier“, vor „Paprika“. Jetzt laufe ich hier im Supermarkt herum und wundere mich.

Was für einen Satz wollte ich bitteschön kaufen?
Welchen Satz könnte ich gut gebrauchen?
Was für einen Satz möchte ich am liebsten gesagt bekommen?
Welchen Satz einmal aussprechen können?
Du liebe Güte, welche Sätze kann ich mir denn überhaupt leisten?

Ich glaube, eigentlich brauchte ich Salz. Ja ja, Salz war’s. Da ist mir der Strich vom z halt ein bisschen zu weit nach links ausgerutscht.
Puh.

Suburban Homesick Blues

Wenn ich mir vorstelle, das ferne Rauschen der B4 wäre Meeresbrandung, dann geht’s eigentlich.
In der Nacht kann ich im Garten oder durchs Dachfenster den Großen Wagen direkt über uns stehen sehen. Den Sternenhimmel haben wir der lichtverschmutzten und bis in vielgeschossige Höhen verbauten Großstadt voraus.
Ich bin froh darüber, dass die Wohnung ein bisschen Garten hat. Unkraut ist gesund für die Seele.
Von hier aus, nur ein, zwei Straßenquerungen entfernt, liegen südlich der Wald und östlich die Feldmark. Nördlicherseits breitet sich das Wohngebiet aus. Zehn Fahrradminuten westlich liegt die Altstadt.
Unser Zentrum sind wir selbst.
Einkaufsmöglichkeiten wie Supermärkte und Apotheken, Banken, Ärzte, Frisöre, die Grundschule und der Kindergarten sind von dieser Immobilie aus fußläufig erreichbar.
Es könnte wirklich schlimmer sein.
Wir hatten es schon schlimmer.
Für Feldmark und Wald bin ich maßlos dankbar, sowieso. Wir sind seit jeher ständig draußen unterwegs, wir brauchen Licht, Luft, Land. Seit der Kontaktsperre sind natürlich alle in der Feldmark und im Wald unterwegs, suchen alle Licht, Luft, Land, aber selbst jetzt gewährt die Landschaft allen noch genügend Raum.
Es gibt nichts auszusetzen an unserem Zuhause hier.
Es gab genauso wenig auszusetzen an unseren Zuhäusern da und dort, am Park, am See, am Meer.
Gelegentlich passiert es mir, dass ich verschiedene Zuhäuser in meinem Kopf durcheinanderbringe, und das nicht allein im Traum, wo ja ohnehin alles miteinander verschmilzt. Auch in der Isolation schmilzt einiges ineinander, kommen den Zeiten und Räumen ihre Koordinaten abhanden. In Gedanken plante ich heute einen Vormittagsspaziergang entlang von Äckern, die an so einer Siedlung beginnen und in so einer Schonung enden, bis mir einfiel, dass diese Äcker, Siedlung, Schonung ja nicht hier, sondern 200km entfernt liegen. Neulich dachte ich: Sobald wieder halbwegs normale Zustände herrschen, müssen wir mal wieder mit dem Wassertaxi rüberfahren nach – und da ging mir auf, dass es rund fünf Jahre her ist, dass wir regelmäßig mit dem Wassertaxi fuhren.
Der ländliche Heimatort wuchert am wildesten in meinem Alltagsdenken herum. Weil die allgemeine Anspannungslage wohl doch nicht spurlos an mir vorübergeht und ich mich wegwünsche in sichere Gefilde?
Wär’s so einfach, wär ich ja nie weggegangen.
Tatsächlich ist das die einzige komplizierte Beziehung, die ich pflege. Ich bin ansonsten langjährig verheiratet und unterhalte langjährige Freundschaften, ich nehme Jobs an, wie sie eben kommen, da gibt’s nichts zu klagen, ich habe außerdem ein Kind, das es mir leicht macht, es zu lieben. Kompliziert ist allein die Heimat. Da war ich glücklich und kaputt, die macht mich gesund und krank, da will ich ewig hin und weg: meine schön-schlimme Heimat!
Ich kann jetzt nicht dahin fahren, mit Kind im Gepäck. Schlimmstenfalls unbedacht die Oma infizieren. Bis jetzt hatte ich immer die Möglichkeit zu Heimreisen, nie hatte mir jemand oder etwas den Weg dahin verboten. Was bei mir sicherlich gewisse Ängste verhindert hat, unter denen manch Andere leiden: Falls es für mich einmal so richtig schiefgehen würde, wäre da immer diese Tür, blieben mir immer ein paar Zimmer und dieser Garten, immer diese Küche, komme, was das wolle. Fehlende Zuflucht war nie mein Problem.
Natürlich hätt ich’s einfacher haben und einfach gleich bleiben können. Warum bin ich weggegangen?
Ich bin jedenfalls nicht als missverstandene, narzisstisch gekränkte Intellektuelle in spe vor meinen ländlich-groben Mitmenschen geflüchtet. Ich selbst bin ländlich-grob genug. Ein bisschen einsam war ich, ja. Aber nicht sehr viel mehr, als ich das auch heute bin, denn ich tauge nur zu einem limitierten Maß an Bindung und Gesellschaft.
Ich bin sogar nicht bloß einmal aus der Heimat fortgegangen, wie man das üblicherweise so tut, sondern zweimal. Einmal mit 18, einmal mit 36 – Sie erkennen vielleicht den Turnus? Bei guter Gesundheit schaffe ich eventuell noch Nummer drei (mit 54) und vier (mit 72)!
Ich bin einmal aus bloßem Trotz weggegangen – Familienerbstück, diese Trotzwut. Ich hatte keinen Plan, aber ich hatte die Gelegenheit. Geschadet hat es mir nichts, im Gegenteil, aber zum Prahlen reichen meine Erfolge nun auch wieder nicht. Meine Abiturientinnen-Trotzwut hatte sich an Dingen entzündet, die ich damals entscheidend fand, heute albern. Nichts, was ein bisschen Internet (das damals in seinen Anfängen dümpelte) nicht hätte erträglich machen können.
Mein zweiter Weggang beruhte wiederum auf nichts, was ein bisschen mehr Geld nicht hätte regeln können.
Sobald ich eine Weile lang mein Dorf nicht sehe, entsteht ein Fehlen, das genauso weggekümmert werden muss wie ein konkreter Hunger oder Durst; es ist genauso fühlbar, wenn es sich anstaut und, nachdem man sich drum gekümmert hat, nachlässt. Man mag pathetische Wendungen wie „Die Heimat ruft“ belächeln, aber ich fürchte, das tut sie mitunter wirklich. Sobald ich aber dort bin –
Das Ortseingangsschild ist für mich zugleich eine innerliche Grenzmarke. Psychologische Mechanik: Passiere ich das Ortsschild, ist dieser Vorgang mit einem reellen „Klick“ hinter den Schläfen verbunden.
Nirgendwo habe ich diese Begegnung besser beschrieben gefunden als bei Henning Ahrens in Glantz und Gloria:

Ein Ortsschild, mit Fastfood-Müll verziert, von Kugeln durchsiebt. GLANTZ IM DÜSTER. […] O ja, hier hauste die Heimat.

Ja, es ist wild und wunderschön und schäbig-öde. Aus der Ferne wünschte ich mir ständig, nie weggegangen zu sein, und aus der Nähe frage ich mich jedes Mal, was zur Hölle ich hier tue.
Heute ist Ostersamstag. Seit Anfang Februar war ich nicht mehr daheim, das Vermissen ist jetzt ein klobig-schwerer Klumpen. Ich stelle mir vor, ich säße am Küchentisch meiner Mutter. Oder ich ginge früh morgens auf dem alten Kirchweg durchs Grüne, vorbei an blühenden Obstbäumen. Blökende Schafe, Feldlerchengeträller, Kühe. Bördeboden riecht anders als Heideboden. Ich sitze an meinem Lieblingsplatz am Kanal – nicht Elbe-Seitenkanal jetzt, Nord-Ostsee-Kanal auch nicht, nein, Mittellandkanal natürlich. Quer durchs Gelände stromere ich irgendwann zurück ins Dorf, begrüße alle Bäume, Häuser, Bäche, Kühe, Störche wie Familienmitglieder, denn das sind sie, und da liegt wohl auch der Hase im Pfeffer: Familienliebe ist eben nicht selten Dilemmaliebe.

Schlüsselerinnerung (2018)

Während ich mit einem Kaffee am Tisch meiner Mutter sitze, hat mein Kind in meinem alten Zimmer, das jetzt ein Enkelkinderspielzimmer ist, einen kleinen Schlüssel gefunden.
Ich weiß, dass dieser Schlüssel aus der silbrigen Aachener-Printen-Blechdose kommt, die als Schatulle für spezielle Fundsachen durch sämtliche Geschwister-Hände ging, denn ich hab ihn damals selbst da hinein getan.
Ich weiß auch genau, wie ich —
Er liegt einfach auf dem Hof. Da liegen auch noch letzte Blütenkätzchen vom Walnussbaum: später Frühling. Meinen Elsteraugen hätte er unmöglich entgehen können, also muss ihn erst kurz zuvor jemand dort verloren haben. Unser Haus steht ständig offen, denn es ist immer irgendwer da, auch die Garagen werden nicht abgeschlossen, und so habe ich praktisch noch nie einen Schlüssel gesehen. Gleichzeitig gibt’s bei uns, das riecht man als Kind ja, einen Haufen Geheimnisse. Diese Geheimnisse krispeln wie Alufolie, und sie riechen ähnlich wie alte Zinnbecher. Genauso riecht auch dieser Schlüssel.
Ich bin nicht ausgelastet, mich juckt der Hafer, also war heute keine Schule: Wochenende. Meine Großmutter werkelt in ihrer Küche, ohne dass ich sie dabei schimpfen höre – kein „Tewe“ liegt ihr dauernd im Weg herum oder guhlt sie nach Küchenresten an, also ist unser Mischling mit dem Iltis-Fell schon gestorben und der weiße Schäferhund noch nicht da: Ich bin zehn Jahre alt.
Mein Großvater – Cordhose, Leinenhemd, Lederweste – tapert aus seinem Wellblechwerkzeugschuppen und rüber zum Wellblechgeräteschuppen, das heißt, ich kann mich unbemerkt an seine Schubfächer neben der Werkbank heranmachen.
Drinnen im Schuppen riecht es wie in einer alten Kirche, nur dass in der alten Kirche noch ein Fuder Heu, eine Ziege und ein Kanister Schmieröl stehen müssten. Die Schubfächer sind ungeschlachte Holzdinger, in denen Dosen und Papp-Kistchen aller Art zwischen Zwirn- und Drahtrollen und Nato-Band herumfliegen. Ich finde Pectoral Brustkamellen, Bayrisch Blockmalz, Mentholsalbe, Blutdrucktabletten, aber kein Schloss für meinen Schlüssel.
Die Schränke meiner Eltern in Wohn-, Schlaf- und Badezimmer sind längst akribisch erforscht, besonders das Fach mit den Schmuckschatullen, den Perlen- und Bernsteinketten, Glassteinbroschen usf., da gibt’s keine verschlossenen Überraschungen zu entdecken.
Unterm Urgroßmutterbett und in ihrer Kommode zwischen Halstüchern und Häkelbeuteln aus Perlgarn: nur Seifenduft und ein paar verstreute Gewürznelken, sonst nichts.
Ich nehme mir die helle, gepflegte, systematisch aufgeräumte Werkstatt meines Vaters vor, von oben bis unten, von Abformsilikon über Leitungsschutzhalter bis Niet-, Spitz- und Sprengring-Zange, und finde kein einziges abgeschlossenes Kästchen.
Was wäre, wenn es niemand von uns gewesen ist, der den Schlüssel auf dem Hof verloren hat?
Der Bauer von nebenan hat im Feld eine Abstellhütte stehen, und natürlich komme ich um vor Neugier, was er darin einschließt, denn ich kenne alles in den Wiesen und Feldern im Umkreis, ich kenne alle Bäume und Büsche mit Namen, ich kenne jede Distel persönlich, und falls hier jemand eine Haarnadel verliert, dann finde ich sie, ich kenne jedes Mauseloch und jeden Hochsitz, und wenn hier ein Hund begraben liegt, dann weiß ich wo, ich kenne jeden Riss im Betongussplattenweg, jeden Vogel und jeden Frosch – nur eben nicht diese Hütte von innen.
Aus dem Garten, wo die Frottee-Schlafanzüge meines kleinen Bruders auf der Wäscheleine hängen, führt ein Gatter zwischen Betonpfeilern auf die Nachbarswiese mit dem Apfelbaum. An den Starenbüschen vorbei, geht es weiter zu unserem anderen Garten, dem Pachtacker meiner Großeltern.
Erbsen, Bohnen, Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Zucchini sind soweit, dazu überall Grashüpfer und Feldlerchenkrawall: Juni. Ich stoppele mir ein paar Erdbeeren und Erbsen, fange ein paar Grashüpfer, lasse sie wieder frei. Ihr Zirpen erfüllt die Wiesen, es klingt rundum: Ende Juni also. Das Wort Zirpen passt nicht zu diesem Rundum-Ton, finde ich, es ist eher ein Schnurren, was die Grashüpfer da von sich geben, allerdings ein hochfrequentes: ein Schnirren.
Ich hasse meine dunkel-lila Leggings mit weißen Mini-Sternchen, denn Leggins haben keine Hosentaschen; den Schlüssel habe ich unter mein buntes Knotenarmband geklemmt. An meine Schuhe erinnere ich mich nicht, mit Schuhen habe ich emotional nicht viel am Hut, am liebsten renne ich barfuß herum, jedoch nicht draußen in der Butnik, die besät ist mit Steinen, Scherben und Metallschrott.
Ich witsche durch den Stacheldrahtzaun in die Weiden raus und muss heute – die Weide wurde gewechselt – nicht vor den Kühen herlaufen, die mir sonst oft neugierig nachrennen. Kühe können verflucht schnell werden.
Immer am Feldgraben entlang. Das Schilfgras überragt mich längst, die Wedel glänzen jetzt in metallischem Brila (Braun-Lila); erst im Spätsommer spleißen sich die Blüten auf und werden zauselig mattbraun. Auch die Acker-Kratzdisteln leuchten zur Zeit lila, und es dauert noch, bis sie dicke Wolken von Distelfluff in den Wind schicken.
Wieder auf dem Feldweg, kicke ich Klickersteinchen. Schon lange, bevor ich die Pappelreihe erreiche, kann ich das gleichmäßige Meeresrauschen hören, das ihr glattes Blattwerk erzeugt – herrscht böiger Wind, klingt es aus den Pappeln wie Brandungswellen.
Jetzt bin ich an der Hütte angelangt. Und? Bin umsonst gelaufen. Ich hätte ja wissen müssen, dass dieser mittelgroße, mitteldicke Schlüssel niemals in das mickrige Vorhängeschloss passt, das die Brettertür versiegelt. Aber vielleicht, wenn ich ehrlich bin, wusst ich’s ja tatsächlich, und es war mir bloß ein bisschen egal.
Ich flaniere zurück und freue mich auf die Knoff-Hoff-Show mit Joachim Bublath und Ramona Leiß, also sind noch nicht große Ferien, denn dann liefe im ZDF nur das Sommerpausenprogramm.
Der Schlüssel landet für spätere Zwecke in meiner Fundsachen-Kiste. Meine Eltern könnten mich, falls sie ins Suchen gerieten, einfach danach fragen, ob ich einen Schlüssel gefunden hätte, aber sie geraten nicht ins Suchen und sie fragen mich nicht danach. Weder heute, noch morgen, noch irgendwann.
„Wofür war der Schlüssel mal da?“, fragt mich mein Kind.
„Du, das weiß ich gar nicht, keine Ahnung.“
Das ist gemein gelogen.
Ich weiß ja, dass das der Schlüssel zu einem Wochenendnachmittag im Juni 1992 ist.