Wie man Gespenster züchtet

Heute (betrachten Sie das als Füllwort) nichts erlebt, nichts geschrieben, nichts besonderes gemacht. Ein bisschen gearbeitet (Teilzeit), ein bisschen geputzt, gekocht. Nichts dabei gedacht.

Höchstens: Die Erfindung der Null in der Mathematik trägt der Bedeutung des Nichts für das große Ganze Rechnung. Diese Gespensterzahl, die an sich nichts erfasst, ermöglicht dem ganzen System erst seine Funktionalität, Komplexität, Aussage. Ich meine –

Warten Sie, ich will nur schnell meine Pelargonien gießen –

Ich habe sehr viel Lebenszeit unter Pflanzen verbracht. Viel entscheidende Lebenszeit, würde ich sagen. Der Umgang mit Gewächsen ist tröstlich, ich empfand das als Kind immer sehr deutlich und werde auch heute schnell unglücklich, wenn mir der Kontakt zu ihnen fehlt. Bäume sind wichtig, verwucherte Wegränder und Böschungen sind unentbehrlich, Wiesen zwingend notwendig.

Alldieweil bin ich sehr empfänglich für die Sirenenstille verwaister und unkrautig gewordener Industriegebiete und verfallener Scheunen, von Brachflächen, Unorten im Toten Winkel von Durchgangsbereichen, Unorten fernab von Durchgangsbereichen usw. Können Sie es auch summen hören, dieses Summen von Weltall oder, ich weiß nicht, von Ewigkeit in diesen stummen Räumen?

Zimmerpflanzen sind hilfreiche Phantom-Natur für mich, an ihnen kann ich meine kleinbäuerlichen Gene zum Vergnügen ausleben: hegen und pflegen. Einige großformatige Töpfe in meinem Zuhause spielen Biotop, darin sind mehrere Pflanzen, die ähnliche Ansprüche teilen, zu einer Szenerie zusammengepflanzt. Ein miniaturisierter Ersatz für Kalifornien, die Tropen, die Kanarischen Inseln. Einige Bäumchen sind bereits so ausladend und schwer geworden, dass komplizierte Schnurkonstruktionen zwischen Dachschräge und Decke sie davon abhalten müssen, vor lauter Gedeihen plump umzukippen.

Mir wird ständig geraten, mir ein Haustier anzuschaffen. Jesus! Jeden Tag sehe ich die Dorfbevölkerung mit ihren Wohlstandshunden Gassi gehen, immer dieselben Runden zu festen Zeiten, Kotbeutelchen schwenkend, und das illustriert meinen Begriff von haarsträubender Fremdgesteuertheit sehr plastisch. Anderer Leute Leben dreht sich um ihre Katzen oder, Gott bewahre, Pferde. Nichts für ungut – halten Sie Haustiere, wenn es Sie glücklich macht, warum nicht? Ich selber hadere mit dem Konzept Haustier. Obwohl ich in einem Haus voller Tiere aufgewachsen bin (Hunde, Katzen, Kaninchen, Fische, ach!) und das wunderbar fand. Als Kind. Das sonst keine Freunde hatte.

Meinen Sie, all diese Gespenstertiere – Hunde, Wellensittiche, Chinchillas, Meerschwein usw. usf. – sind glücklich, der persönlichen Unterhaltung und Erbauung ihrer BesitzerInnen dienen zu dürfen?

Meine gelegentlichen Kopfweh drücken an genau dieser einen Stelle am Hinterkopf, wo man idealerweise ein Loch bohren würde, um mich an einem Haken an der Zimmerwand in Positur zu hängen, schön gerade, ein dekoratives Wohnaccessoire.

Ich liebe Wildtiere. So ist das. Wild- und Gartenpflanzen, die Insekten und Wildvögel, die Tiere in Wald und Flur zeigen mir zudem die Zeit an: Blattentfaltung, Kastanien- und Fliederblüte, Schwalbenflug usw.: Mai. Liebe Güte, schon wieder so viel Lebenszeit verschlafen? Das ganze Jahr über schreit ja immer irgendein Tierchen oder Pflänzchen Memento Mori. Das Konfetti von Apfel-, Kirsch- und Birnenblüte ist längst vergangen, gerade verwest die nächste Schicht aus den kleinen krausen Trichtern welker Kastanien. Heute gaukelnde Wolken von Eintagsfliegen – nach einer kurzen Weile bloß noch schwarzgrauer Staub. Ab und an eine ausgedörrte, pechfarbene Krötenmumie am Wege. Storcheneltern schubsen ihre aussortierten Drittgeborenen über den Nestrand.

In der Küche, in einem großzügigen Pflanzbottich, ziehe ich seit geraumer Zeit eine hübsche, filigrane, blauschimmernde Pinie. Heute, wie ich sie so dastehen sah, mit ihren Wurzeln im Pott und um den Pott herum haufenweise Einkaufstüten, kam mir plötzlich in den Sinn zu sagen: armes Ding.

Wer weiß, in zwanzig Jahren wird man das Konzept Gespensternatur, vulgo: Zimmerpflanzen, vielleicht für vollkommen überholt halten. Albern. Oder sogar verwerflich, missbräuchlich! Früher steckte man ja auch einen Goldfisch in ein Kugelglas und nannte das Hobby, oder man stopfte einen einzelnen Ziervogel in einen kleinen, engen, dekorativen Käfig, worin er nicht mal die Flügel ausstrecken konnte, und seine Hospitalismushüpfer fand man dann putzig.

Ebenso war man, wie wir alle wissen, damals überzeugt, der natürliche Lebensraum einer Frau sei einzig und allein der Haushalt. Heute ist ihre Berufstätigkeit – mindestens Teilzeit muss sein – ihre eigentliche Bestimmung und hat sie, damit wir uns gleich richtig verstehen, natürlich aus der seelenmörderischen Alternativlosigkeit des Nachkriegshaushalts befreit, das muss man sagen, ja.

Was hätte ich, sagen wir, vielleicht 1962 gemacht, tagein, tagaus, Hausfrau, das Kind in der Schule, der Mann bei der Arbeit, die Wäsche- und Geschirrstapel so groß und die Wände so eng? Mir ein bisschen Frohsinn angetrunken? Meinen Arm mit der Kartoffelreibe gestreichelt?

Ein paar Stunden im Laden oder Büro rackern, sich daheim um Familien- und Haushaltskram kümmern, einkaufen: Das allermeiste, was ich seit geraumer Zeit so tue, zählt nicht viel, aber tut auch nicht weh. So ist das. Ist das Gejammer? Ich habe es gut.

Was ich tue, bedeutet an sich nichts, aber ohnedem täte das große Ganze nicht funktionieren, nicht gedeihen, und das tut es natürlich, im Ernst: prächtig. Das Kind wird jetzt älter und selbstständiger, die Oma wird älter und unselbstständiger, so verschiebt sich die Sorgearbeit ein bisschen. Der Mann (Vollzeitgespenst) wird manchmal gefragt, was für Hobbys er hätte, ja wirklich! Vor lauter Funktionieren und Gedeihen einmal dazu kommen, die Arme weit auszustrecken, nach links und nach rechts, ohne irgendwo anzustoßen – eine solche Spanne an Zeit und Raum hätte er gerne mal. So ist das. Ist das Gejammer? Wir haben es gut. Meine Ehe ist ein Segen, mein Kind ein Geschenk, daran gibt es nichts zu rütteln: Glück. Wie gesagt, das allermeiste, was ich so tue, bedeutet nichts und tut keinem weh. Mir selbst auch nicht, nein – nicht einmal mir.

5 Gedanken zu “Wie man Gespenster züchtet

    1. Oh, ich hatte als Kind eine Tante, Meinolf, die so massiv Elend abstrahlte, dass es sich wie ne Teerdusche anfühlte, neben ihr zu sitzen. Ein sagenhaftes Miststück von Ehemann, und sie kam da nicht weg. Drei Kinder, kein eigenes Geld, keine offene Tür bei der eigenen Mutter. Man witterte durch und durch die Gewalt, der sie regulär (und so lapidar) ausgesetzt war. Sie starb noch jung an Krebs, als hätte ihr Körper sich einfach zu einem Notausstieg entschieden. Es war alles entsetzlich. Ich meine also schon ernst, dass mir bewusst ist, wie wenig Grund ich selbst zu klagen habe. Aber davon verschwinden diese sachten Auflösungsgefühle nun irgendwie trotzdem nicht.

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  1. Vielleicht ist es für manche Menschen (und Situationen) wirklich leichter, zu sterben, als das eigene Leben (und zwangsläufig die damit zusammenhängenden Leben auch) radikal zu ändern, was ein anderer – konstruktiver – Notausstieg wäre.
    Man sollte doch meinen, dass im Begriff „Leben” auch „Lebensentwurf” steckt. Diese Idee von Vorläufigkeit im Sinn, fände ich gut, sich unter allen Umständen Improvisation, Überraschungsvermögen und die Freiheit zur Kurskorrektur zu erhalten.
    Ich weiß nicht, ob das realistisch ist.

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    1. Ich habe ständig den Eindruck, dieser Entwurf – komplizierte Sache das, man muss sich reell entscheiden, man muss sich selbst und sein Leben gründlich untersuchen usw. – dieser Lebensentwurf also wird nicht recht in Angriff genommen, obwohl wir so viel Möglichkeit dazu hätten, weil wir uns mit dem Missverständnis, dem Fehleindruck zufrieden geben, jeden Tag wichtige Fragen zu entscheiden. Wir entscheiden und bestimmen ja wirklich pausenlos! Bloß eben: Nehme ich die 84 ohne Käse oder mit? Nehme ich die Schuhe in 40 oder 40,5 und in Leder oder Lindgrün oder die anderen oder beide und bezahle ich mit Paypal oder Kredit oder—

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